Die Pinnau - Eine Serie vom Verein Historisches Uetersen  
Sonnabend/Sonntag, 27./28. Dezember 2003  

EIN FLUSS PRÄGT EINE STADT – HERAUSGEGEBEN VOM VEREIN HISTORISCHES UETERSEN TEIL IX

Die Pinnau

Von der Klappbrücke bis zur Drehbrücke

Mit dem Bau des Stichhafens begann der wirtschaftliche Aufschwung in Uetersen.

Von Marlen Sönnichsen

Die Hohe Brücke   bis 1930 bestand sie überwiegend aus Holz, danach durch eine Betonbrücke ersetzt   wich 1953 einer modernen Zug  bzw. Klappbrücke. Sie wurde am 3. Juli 1953 im Beisein des Schleswig-Holsteinischen Ministerpräsidenten Friedrich Wilhelm Lübke und zahlreicher anderer Vertreter der Ministerien des Landes sowie hoher Persönlichkeiten des Kreises Pinneberg und der Stadt Uetersen auf den Namen "Oswald Dittrich­ Brücke" getauft. Benannt wurde sie nach dem damaligen Generaldirektor der Norddeutschen Papierwerke, Oswald Dittrich, dem eigentlichen Schöpfer der gesamten Betriebsanlage. Gleichzeitig bauten sich die Papierwerke einen eigenen Kai mit Krananlage am Bollwerk, und jetzt konnten die mit Holz beladenen Schiffe aus Skandinavien, auch solche mit höheren Aufbauten, direkt an den Werksanlagen gelöscht werden.

Bauruinen, Schrott und Schlick   es muss nicht alles "den Bach hinuntergehen", wie dieses Schild symbolisieren mag, denn es gibt ungeahnte Entwicklungsmöglichkeiten für den Stichhafen. Die Pläne dazu liegen im Rathaus in der Schublade. Foto: Sönnichsen

Wirtschaftlich gesehen war das Umladen der Schiffsfracht auf die Straße, auf Lastkraftwagen, gerade für die Uetersener Hafenanlagen von größter Bedeutung. 1952 wurde der Hafen zwischen Anlegestelle Klosterdeich und der neuen Klappbrücke ausgebaggert, ebenso der Löschplatz der Norddeutschen Papierwerke. 1953 ließ die Stadt die schadhafte, 67 m lange Betonwand des Kais im Stichhafen durch eine Stahlspundwand ersetzen, die eine wesentlich längere Lebensdauer garantieren sollte. Während 1953 der Umschlag im Hafen noch 35.600 Tonnen betrug,

Der Stichhafen Uetersen

stieg die Tonnagezahl der umgeschlagenen Güter von Jahr zu Jahr. 1957 wurden rund 200.000Tonnen Güter im Hafen gelöscht. 1961 machten etwa 1700 Küstenmotorschiffe in Uetersen fest und schlugen rund 240.000 Tonnen um. Kein anderer Binnenhafen Schleswig Holsteins verzeichnete bis dato solch einen Güterumschlag wie der Uetersener Hafen. 1963 wurde er zu einem miteisernen Spundwänden und Ladestraßen versehenen Umschlagplatz ausgebaut. Das Hafenbecken hatte nun eine Länge von 240 Metern und eine Breite von 40 Metern. Die Größe der Wasserfläche betrug 9.600 Quadratmeter, die Wassertiefe 3 Meter.

 

1971 legten 2000 Schiffe an

An den 440 Meter langen Kaianlagen waren seit 1966 zwei Kräne zum Löschen der Ladungen in Betrieb. Wie richtig diese Maßnahmen waren, bewies der große Anstieg des Güterumschlages in den kommenden Jahren.

Neben den beiden Hauptbenutzern des Hafens, der „Feldmühle“ und der „Hauptgenossenschaft“ ließ vor allem die Bauindustrie große Mengen von Baumaterialien auf dem Wasserweg nach Uetersen und in die nähere und weitere Umgebung transportieren. 1971 legten rund 2000 Schiffe im Hafen an(das sind mehr als 5 pro Tag) und bewegten fast 300.000 Tonnen Frachtgüter. Für 50 See  und Binnenschiffe war Uetersen Heimathafen. Ihre Eigner, Kapitäne und Mannschaften, wohnten in Uetersen, Tornesch, Moorrege und in der Haseldorfer Marsch. Heute, 30 Jahre später, gibt es nur noch zwei Schiffe, die den Heimathafen "Uetersen" tragen: die "Marlies" von Binnenschiffer Kai Schmahl, die nach seiner Mutter benannt ist, und die "Odin" von Klaus Falinski, die auf dem Rhein fährt.

Hauptnutzer des Hafens waren die Feldmühle, die Bauindustrie, die Hauptgenossenschaft und die Freizeitkapitäne. Foto: Schweim

Die zunehmende Verschlickung des Stichhafens verursachte mehr und mehr Probleme bei der Zu- und Abfahrt von Frachtschiffen.

1963, 1976, 1979 und 1989/90 ließ die Stadt Uetersen das Hafenbecken entschlammen, da vollbeladene Küstenmotorschiffe den Hafen wegen zu geringer Wassertiefe wieder und wieder nicht anlaufen konnten. Der ölhaltige Schlick wurde auf dem Gelände des ehemaligen Müllplatzes gelagert. Die Baggerarbeiten, insbesondere im Jahre 1990, waren mit großen Schwierigkeiten verbunden, Gerümpel und Steine behinder­ten das Pumpen. Der Saugbagger brachte nicht den gewünschten Erfolg. Der Hafen konnte von Frachtkähnen wegen zu geringer Wassertiefe nicht mehr angefahren werden, der Warenumschlag wurde auf die Straße verlegt. Dazu kam, dass der bisher größte Nutzer des Stichhafens, die Raiffeisen Ha Ge, im September 1992 seine Tore schloss.

Seit der Zeit ruht jeglicher gewerblicher Schiffsverkehr im Uetersener Hafen. Das Hafenbecken verschlickt zusehends. Wenn die Frachtschiffe, die das Papierwerk STORA ENSO beliefern, im Stichhafen wenden, wird zusätzlicher Schlick aufgewirbelt, der sich in der Hafeneinfahrt wie eine Insel ablagert. Von Zeit zu Zeit befassten sich städtische Gremien mit der Zukunft des Hafengeländes. Es wurde darüber diskutiert, ob das Hafenbecken zugeschüttet werden oder Regenrückhaltehecken werden sollte. Jeglicher Frachtverkehr ist inzwischen vom Schiff auf die Straße verlegt worden und die Infrastruktur am Hafen ist nicht mehr benutzbar.

Wirrwarr negativer Eindrücke

Im Jahre 2001 beauftragte die Stadt unter Bürgermeister Karl Gustav Tewes die Planungsgruppe HASS aus Rellingen mit der Erstellung eines Entwicklungskonzepts für den Hafenbereich. Die Aufgabe von Dipl. Ing. Joachim Ulrich Haß und seines Teams war es, das Gebiet um den Stichhafen zu überplanen, brachgefallene Grundstücke und das Hafengebiet wieder zum Leben zu erwecken und alles in einen gesamtstädtischen Zusammenhang einzubinden.

Ein wahrlich nicht leichtes Unterfangen, denn wie zeigt sich das Areal heute? Auf ca. 26 Hektar Fläche findet der kritische Betrachter zunächst ein Wirrwarr negativer Eindrücke: leerstehende, vor sich hinrottende Bauruinen, ein zugeschlicktes, stinkendes Hafenbecken, eine überwachsene Mülldeponie mit eventuellen ungeahnten Altlasten, mangelhafte Substanz bei einigen vorhandenen Bauten, LKW Abstellplätze, keine Verknüpfung mit der Innenstadt, keine Fuß  und Radwege, holperige Pflasterung und schlechte Straßen überhaupt. Dazu der städtische Bauhof, das Einheitserdewerk, der Yachthafen des Wassersportvereins Uetersen und die Kleingärten.

Zukunftsvision für das Hafengelände

Doch im Gelände schlummern auch städtebauliche Schätze, die nach Ansicht der Planer nur gehoben werden wollen: Der Stichhafen mit dem gepflegten Sportboothafen, die Pinnau und die Anbindung an die Elbe, die ruhige Lage, die Pinnauniederungen, die vorhandene versorgungstechnische Erschließung, die geringe Entfernung zur Innenstadt. Daraus entwickelte der Landschaftsplaner Haß eine Vision, die nicht auf eine Verwirklichung innerhalb weniger Jahre angelegt ist und auch finanziell nicht umsetzbar ist, sondern ein langfristiges Konzept darstellt, das ungeahnte Entwicklungsmöglichkeiten für Uetersen enthält und in mehreren Stufen realisiert werden könnte.

Mit einem Güterumschlag von 240.000 Tonnen lag der Uetersener Hafen im Jahre 1961 an der Spitze aller schleswig holsteinischen Binnenhäfen. Hier warten mit Holz beladene Frachtschiffe am Anlieger der Papierfabrik. Foto: Archiv Historisches Uetersen

Entwicklungsziele sind: Stärkung der Identität Uetersens als Stadt mit Hafen, Schaffung von Wohnraum unter dem Stichwort: Wohnen am Wasser, dazu nicht störendes Gewerbe und Dienstleistung, ein attraktives Freizeitangebot am Hafen zur Naherholung, Sicherung der maritimen Struktur, kulturelle Freizeitnutzung an der Ostseite des Stichhafens und insgesamt die Entwicklung des Stichhafens zur Steigerung der Attraktivität, der Wirtschaftskraft, des Arbeitsmarktes, der kulturellen Angebote und der Lebensqualität in Uetersen.

Durch folgende Einzelmaßnahmen will die Planungsgruppe HASS die Vision Wirklichkeit werden lassen: Wanderwege entlang der Pinnau, qualitativ hochwertiges, maritimes Wohnen im Grünen und Neuansiedlung von Dienstleistung und nicht störendem Gewerbe, Umnutzung der Silogebäude (z.B. als Jugend /Kulturzentrum) und Umnutzung der ehemaligen Berufsschule, Einbindung in das Projekt "Maritime Landschaft Unterelbe", Freizeitnutzung Bootsport im Stichhafen, Fluttor, Gästeanleger für größere Boote, Anleger für Ausflugs Barkassen, Sitzstufen am Hafenhecken, Promenade entlang des Beckens, Cafes, Bootsanleger, und ein Freizeit  und Erlebnisbad an zentraler Stelle in den Pinnauwiesen.

Mit Beschluss vom 21. Juni 2002 hat die Uetersener Ratsversammlung dem Entwicklungskonzept für den Hafenbereich grundsätzlich zugestimmt. Trotz knapper Kassen lässt die Stadt im kommenden Jahr für 232.000 Euro zunächst den Stichhafen ausbaggern, weil sie sich davon touristische Vorteile erhofft. Eine "Initiative Hafen Stadt" aus acht engagierten Bürgerinnen und Bürgern der Region, die sich kürzlich gründete, startete im November 2003 mit einem groß angelegten maritimen Live Spektakel in acht Uetersener "Hafenkneipen" mit der Verwirklichung ihrer Pläne: Impulsgebung und Forcierung einer freizeitkulturellen und architektonischen Neubelebung des Hafengeländes.