Die Pinnau - Eine Serie vom Verein Historisches Uetersen  
Sonnabend/Sonntag, 20. Dezember 2003  

EIN FLUSS PRÄGT EINE STADT – HERAUSGEGEBEN VOM VEREIN HISTORISCHES UETERSEN TEIL VIII

Die Pinnau

Von der Klappbrücke bis zur Drehbrücke

Binnen  und Küstenschifffahrt waren für Uetersen seit Alters her von großer Bedeutung.

Von Marlen Sönnichsen

Binnen  und Küstenschifffahrt sind in Uetersen so alt wie der Ort selbst. Genauere Aufzeichnungen über sie reichen nicht sehr weit zurück. In der Chronik von Mittelschulrektor Bubbe (nach einem Bericht des Klosterschreibers Rost 1820) heißt es unter anderem: "Es befindet sich im Westen der hohen Brücke, diesseits der Aue, doch nahe an derselben, ein Platz Landes, welcher 10 Ruth. breit und 6 Ruth. lang ist. In alten Zeiten wurde er, wie alle übrigen Klosterwiesen daselbst, als Grasland gebraucht. Erst als die Schifffahrt etwas lebhafter wurde, fing man an, ihn als Schiffsstelle zu benutzen..." Aus diesen Zeilen geht hervor, dass es sich um die Hafenanlage bei der Hohen Brücke handelt. Neben dieser Hafenanlage bestand aber noch ein weiterer Anlegeplatz, nämlich am Klosterdeich (heute Deichstraße). Rost schreibt dazu:" Die beiden Loß- und Ladestellen sind bei der Hohen Brücke und am Klosterdeich. An letzterer Stelle sind deshalb Vorsetzen errichtet.

Das Frauengehölz, ein bewaldetes Dünengelände am Ostrand der Stadt, war ein beliebter Ort zum Spazierengehen. Es wurde abgeholzt, und mit den Erd  und Sandmassen füllte man das tief gelegene Hafengelände auf. Foto: Schweim

Binnen-  und Küstenschifffahrt

Doch ist es auch an anderen passenden Stellen erlaubt. Die Schiffe, deren man sich bedient, werden hier Ewer genannt und sind gewöhnlich 4 5, auch wohl 6 Commerzlast groß. Sie fahren meistenteils Torf, Muschelschalen, Kalk, Töpfergut u. dgl. und die Anzahl der Schiffer beläuft sich jetzt (1820) auf etwa 14."

Um 1860 war die Blütezeit des Schmuggelns

Mit der Ausweitung der Industrie in und um Uetersen Mitte des 19. Jahrhunderts stieg die Zahl der Küsten  und Binnenschiffer. Im Jahre 1867 gründeten 76 Schiffseigner die Uetersener Schiffergilde "Emanuel".

Der gesamte Fahrzeugbestand im Gründungsjahr der Gilde, einer Versicherung auf Gegenseitigkeit, hatte einen Versicherungswert von 150.000 Mark und umfasste rund 70 Küstensegler. 1933 waren 110 Schiffe mit 2,5 Millionen Mark versichert.

Die Frachten, die im Uetersener Hafen be-  und entladen wurden, bestanden hauptsächlich aus Tran, Seife, Käse, Essig, Bier, Branntwein, Getreide, Raps, Muscheln, Torf, Kalk und Mauersteinen. Wenn auch nicht mehr viele Aufzeichnungen von früher vorhanden sind, so beweisen doch die wenigen noch vorhandenen Unterlagen die rege Hafentätigkeit. Von dem Umfang des Verkehrs im Uetersener Hafen gibt z.B. die Schrödersche Topographie Auskunft. Hier wird berichtet, dass im Jahre 1854 (10 Jahre nach der Eröffnung der Altona Kieler Eisenbahn) noch 3.253 Schiffe von 17.757 Commerzlasten in Uetersen verkehrten. Daraus geht hervor, dass vor der Eröffnung der Bahn der Verkehr im Hafen größer gewesen sein muss. Vom Jahre 1908 an liegen Statistiken über den Hafen vor. Während 1908 noch 2.116 Schiffe in den Hafen einliefen, waren dies 1913 schon weniger, nämlich 1.852.

Im 18. Jahrhundert besaß das Amt Uetersen noch die Zollfreiheit, mit verbrieftem Recht der Königlich Dänischen Rentenkammer. Später hat die Regierung aber dieses verbriefte Recht "vergessen" und Einfuhr und Ausfuhr im Uetersener Hafen mit Zoll belegt. Nun begann das Schmuggeln. Die Blütezeit des Schmuggelns soll zwischen 1860 und 1870 gelegen haben. Der Moorreger Chronist und Schulmeister Klaus Eggers hat darüber unter anderem berichtet: "Geschmuggelt wurde zur Hauptsache Pfeffer, Wein, Kaffee, Zucker, Korinthen und Manchester Stoffe. Man behauptete immer, dass Kapitän Jan Peter Baas (Besitzer von Schloß Düneck) aus Uetersen nur durch Schmuggel zu seinem vielen Geld gekommen ist. Jedenfalls konnte man damals bei ihm am preiswertesten englische Stoffe kaufen, und halb Uetersen trug Manchesterhosen.

Als die Hohe Brücke noch keine Klapp Brücke war: Ein Bandreißer bringt mit Trecker und Anhänger Spleetbunde in die Stadt, die im Stichhafen verladen werden sollen. Foto: Archiv Historisches Uetersen

Einen Kaffeebrenner fand man in jedem Hausstand, um grünen Kaffee zu rösten. Unsere Schiffer brachten ihre Ware nicht ganz zur Hohen Brücke, sondern luden sie etwas früher an der Klosterkoppel oder am Moorreger Deich aus. Da stand meistens kein Zollbeamter. Man sagte aber auch, dass es Zollbeamte, gab, die immer gerade dann nicht da waren, wenn Schmuggelgut an Land gebracht wurde. So stand z.B. ein Zöllner namens von Schröter bei Kaufleuten und Schiffern in hohem Ansehen.

Nachher sind die Deiche von den Zollbeamten systematisch kontrolliert worden, und manchmal ist es schwer gefallen, den Sack Kaffee oder den englischen Stoffballen an Land zu bringen. Das letzte bewährte Schmuggelgebiet waren die "Schallen", ein mit Weiden und Reet bestandenes Außendeichsgelände vor der Pinnaumündung. Hier musste man freilich bis an den Bauch im Schlick stehen; aber die Zollbeamten kamen wenigstens nicht nach, um sich bloß nicht die schöne Uniform zu versauen. Im Krieg 1914/18 ist wieder tüchtig geschmuggelt worden. "De Toll wüßt dat ganz genau, kreeg öber keen to faten. De slöpen dann jüst ümmer!".

Der Stichhafen

Im Jahrzehnt nach dem ersten Weltkrieg betrieb die Stadt den systematischen Ausbau der Uetersener Hafenanlagen. Der wieder aufblühenden Industrie sollte so ein moderner Lösch  und Ladeplatz in Uetersen und eine bessere Verbindung über Pinnau und Elbe zur Nordsee hin erwirkt werden. Gleichzeitig verschaffte die Stadt unter dem damaligen Bürgermeister Jacob Christians heimkehrenden Soldaten und anderen Arbeitslosen Lohn und Brot. Von der Planung bis zur Fertigstellung des Stichhafens (1918 1926) dauerte es insgesamt 8 Jahre.

Seit dem Jahre 1917 schon befasste sich die Hafenanlagen Baukommission im Rathaus unter Vorsitz von Bürgermeister Christians mit dem Hafenprojekt. In einem Sitzungsprotokoll von Ende 1918 heißt es: Es wurde allgemein anerkannt, dass es notwendig sei, etwaige Arbeitslose von der Straße fernzuhalten und deshalb Arbeitsgelegenheit für eine größere Anzahl von Arbeitslosen geschaffen werden müsste." Inflation und Weltwirtschaftskrise kündigten sich bereits an, und Tausende von Kriegsheimkehrern waren auf Arbeitssuche.

3,90 Mark Stundenlohn für Notstandsarbeiter

Endlich wieder Arbeit. Schaufel und Spaten gruben die Männer den Stichhafen aus. 4,50 Reichsmark gab es 1920 pro gefüllte Lore. Foto: Schweim

Seit 1919 ließ die Stadt so genannte "Notstandsarbeit" verrichten. "Notstandsarbeiter" waren arbeits-lose Männer, die bei der Stadt Anstellung fanden für ein bestimmtes Projekt, hier das Projekt Hafengelände/Stichkanal. Ihre Entlohnung wurde vom Deutschen Reich mit Geld bezuschusst. Und so ging es los: Das Frauengehölz am Ostrand der Stadt, das auf Anregung des Vorsitzenden des Verschönerungsvereins, des Lehrers Bett, in den 60 iger Jahren des 19. Jahrhunderts aus Mitteln der Sparkasse gepflanzt worden war, wurde abgeholzt und abgetragen. Die Erd  und Sandmassen des nacheiszeitlichen Dünengeländes, das ein beliebter es Ort zum Spazierengehen gewesen war, wurden zur Aufhöhung des ausgeziegelten Geländes zwischen Pinnauallee und der früheren Ziegelei Schinkel und zur Herrichtung des neuen Hafengeländes verwendet. Das idyllische Frauengehölz wurde planiert und im Frühjahr 1921 mit Heusamen und Sandhafer eingesät. Eine neue Straße, ein so genannter Schlackenweg, wurde im Gelände angelegt, und der Magistrat der Stadt ließ an diesem Weg ein Schild aufstellen: Fuhrwerkverkehr nur widerruflich gestattet". Das Frauengehölz war nun Vergangenheit, aber auf dem ehemaligen Ziegeleigelände entstand dadurch der Baugrund für die Nordmark Werke und die Schleswig Holsteinische Landwirtschaftliche Hauptgenossenschaft.

1925 baute die Alsensche Zementfabrik zwischen Jacobs Werft und Hoher Brücke am Pinnauufer einen Zaun   das Gelände gehörte der Fabrik. Dadurch konnten die dort befindlichen Winterliegeplätze nicht mehr genutzt werden, und die Schiffer wurden mit einem entsprechenden Schreiben bei der Stadt vorstellig. Auch dieses Schreiben mag dazu beigetragen haben, das Projekt Hafengelände/Stichkanal weiter voranzutreiben. Von der alten Mädchenschule am Finkenbrook, parallel zum Verlauf der Mühlau, eines Nebenarms der Pinnau, und spitzwinklig zur Pinnau hin wurde der neue Stichkanal ausgegraben   von Hand, mit Schaufel und Spaten. Mit Hilfe von 2 kleinen Dampflokomobilen wurde der Erdaushub auf Loren aus dem Gelände heraustransportiert und in die alten Tonkuhlen auf dem ehemaligen Ziegeleigelände geschüttet.

1920 erhielt ein Notstandsarbeiter für Arbeiten am Stichhafen einen Stundenlohn von 3,90 Mark, und wer den Bodenaushub auf die Loren schaufelte und dies im Akkord betrieb, erhielt 4,50 Mark pro gefüllter Lore. Am Stichkanal wurden befestigte Lösch  und Ladeplätze eingerichtet. Damit der neue Hafen nicht verschlickte, wurde die Mühlau (auch Heidgraben oder Mühlenau genannt) umgeleitet und durchströmte nun, vom Mühlenteich (Rosarium) her kommend, den Stichhafen bis in die Pinnau.

1926 schließlich war der neue, 180 m lange, Uetersener Hafen fertig gestellt. Die von Norden, vom Großen Sand her kommende Straße "Am Finkenbrook" wurde 1926 in "Hafenstraße" umbenannt. Das letzte Haus an der Finkenbrookstraße, heute Hafenstr. 10, in dem die Witwe Dora Möller wohnte, wurde abgebrochen und an dessen Stelle im Jahr 1939 ein Neubau errichtet, das Hafenamt. Erster Hafenmeister war Rudolf Menge. Heute befindet sich darin die Anwaltskanzlei von Feuerschütz und Marten. Das Hafenamt erhielt ein Büro im 1963 errichteten Gebäude des städtischen Bauhofs am Stichhafen.

In den ersten Jahren verlief der weitere Ausbau des Stichhafens nur zögerlich. Erst nach dem Bau des Getreidesilos der Hauptgenossenschaft im Jahre 1937 stellte sich Erfolg ein. Die Uetersener Eisenbahn verlegte ihre Geleise im Jahre 1938 zum Hafen, und auch die Norddeutschen Papierwerke erhielten einen Gleisanschluss.