Sonnabend/Sonntag, 6./7. Dezember 2003  

EIN FLUSS PRÄGT EINE STADT – HERAUSGEGEBEN VOM VEREIN HISTORISCHES UETERSEN TEIL VI

Die Pinnau

Von der Klappbrücke bis zur Drehbrücke

Es ist noch keine 100 Jahre her, als zwei Werften Uetersens Wirtschaft belebten

Von Marlen Sönnichsen

Der älteste Schiffbaubetrieb im Uetersener Einzugsbereich war die Marschwerft. Sie lag am Moorreger Deich, gegenüber der Schinkelschen Mühle am Klosterdeich, heute Deichstraße. Im Jahre 1735 ist bereits von einem Schiffszimmermann in Klevendeich (damalige Bezeichnung für den Moorreger Deich) die Rede. Im Jahre 1776 übernahm Claus Nothdorf die Werft, der die Witwe des vorherigen Besitzers, Johann Hinrich Cremer, heiratete. Claus Nothdorf ertrank, als er einen Kahn abliefern wollte. Nach seinem Tode wurde die Werft an Detlef Friedrich Schedelgar verkauft. Das Wohnhaus wurde auf einer Warft, wahrscheinlich Reste eines alten Deiches, erbaut. Die Werftgebäude befanden sich auf einer großen, aber flachen Warft am Pinnauufer. Hier entstanden Schiffe aus Holz bis zu einer Größe von 20 t, Galeassen, Jachtschoner, Kutter und Ewer. Größere Schiffe konnten wegen der geringen Wassertiefe und der damals noch schmaleren Pinnau nicht gebaut werden. Erst spätere Begradigungen des Flusses und die dadurch stärkere Strömung sorgten für eine Verbreiterung und Vertiefung der Pinnau. Der alte Flusslauf lässt sich zum Teil noch am Verlauf der Deichlinie erkennen.

Dieses Ölgemälde des Uetersener Kunstmalers Kurt Roth zeigt Schiffe, die auf den Helgen der Jacobs Werft am Moorreger Pinnauufer repariert werden. Die Werft wurde im Jahre 1960 stillgelegt. Foto: Sönnichsen

Marsch  und Geest Werften

Werft Nothdorf­-Schedelgar Schüler

Johann Hinrich Finck übergab seinem Schwiegersohn Hans Jacobs im Jahre 1850 die Werft. Es wurden überwiegend Ewer gebaut, jedoch auch einige Galeassen und Schoner. Zeichnung: Archiv Historisches Uetersen

In den letzten Jahren vor dem 1. Weltkrieg steigerte sich der Bedarf an Schiffsraum erheblich, so dass auf der Werft mit mehreren Helgen gearbeitet wurde. Nun konnten auch Schiffe mit einem durchschnittlichen .Ladegewicht von 100 t gebaut werden. Waren es bis dato nur hölzerne Schiffe, so wurden ab 1907 auf der Werft auch eiserne gebaut. Bis zum Jahre 1911 befand sich die Werft im Besitz der Familie Schedelgar. Am 1. Juni 1911 wurde sie an Wilhelm Schüler verkauft, der hier zusammen mit seinem Bruder Gottlieb Schiffe und landwirtschaftliche Maschinen reparieren wollte. Wilhelm Schüler hatte das Schlosserhandwerk erlernt, und die Eltern führten in Hamburg eine Hafenwirtschaft. Da das Geschäft auf der Werft am Moorreger Deich nicht so recht florierte, spezialisierten sich die Gebrüder Schüler schließlich auf den Bau von Barkassen. Durch die Eltern hatten sich nämlich gute Beziehungen zu Barkassen Besitzern in Hamburg ergeben. Gottlieb Schüler schied jedoch nach kurzer Zeit aus dem Betrieb aus.

Eine der ersten Barkassen wurde 1911 für Emil Münchenberg gebaut. Es folgten Frachtboote für den Transport von Milch von Winsen und Zollenspieker nach Hamburg. Auch baute man Hafenbarkassen für den Transport von Stückgütern im Hamburger Hafen, für Werftarbeiter und Passagiere und für den Ausflugsverkehr. Bei Ausbruch des 1. Weltkrieges lagen vier Aufträge für den Bau von Barkassen vor. Obwohl viele junge Leute zum Militär einberufen worden waren, konnte die Schüler Werft diese Aufträge mit einem Stamm älterer Arbeitnehmer noch ausführen. Die Materialbeschaffung für den Weiterbau der Barkassen während des Krieges war mit großen Schwierigkeiten verbunden. Ein Sohn des Werftbesitzers Schüler schrieb damals in einem Brief: "1914 musste mein Vater gleich in den Krieg. Da er bei der Marine seine Militärzeit durchgemacht hat, gehörte er zu den ersten. Und meine Mutter musste sehen, wie sie die 4 Aufträge erledigte. Aber Detlef Schedelgar mit seinen Männern hat es dann geschafft. Da waren Wilhelm Timm und Vater August, Jakob Krünau und Bruder Friedrich, und dann war da noch einer, weiß aber nicht, wie der noch hieß. Man muß sich nur wundern, dass sie es in der damaligen Zeit überhaupt geschafft haben."

Im Jahre 1887 übernahm Johann Hinrich Jacobs(Foto) die Werft von seinem Vater Hans Jacobs. Seine Frau Metta, geb. Carstens aus Uetersen, richtete im Wohnhaus der Werft eine gemütliche Gaststube ein, die zum beliebten Treffpunkt der Männer wurde, die in der benachbarten Zementfabrik arbeiteten. Foto: Archiv Historisches Uetersen

Nach dem 1. Weltkrieg wurde die Arbeit auf der Werft wieder aufgenommen. Zuerst wurde ein kleiner Schleppdampfer für die Firma Starck in Uetersen gebaut. Auch der Barkassenbau begann wieder zu florieren. Barkassen für den Hamburger Hafen verließen die Werft, Schlepper für eine holländische Firma und ein Kaffeeleichter für Brasilien. Während der Inflationszeit waren 25 30 Mann beschäftigt. Jeden Monat wurde eine Barkasse abgeliefert, die damals ca. 120 englische Pfund kostete. 1923 bis 1926 war die Werft voll ausgelastet, und es wurde eine Luftkompressor Anlage angeschafft, um mit Luftdruck das Nieten, Stemmen und Bohren zu verrichten. Dann kam die Zeit, in der die Aufträge im Ausland, vor allem in Holland, billiger erledigt wurden. Bis 1928 wurden bei Schüler noch einzelne Barkassen gebaut, doch 1929 schließlich wurde die Werft stillgelegt. Seit 1911 waren hier 120 Neubauten entstanden. 1929 wurden die Gebäude an den Intendanten der Norag (Norddeutsche Rundfunk AG), Hans Bodenstedt, verkauft. Er ließ die Werftgebäude abreißen und am Wohnhaus umfangreiche Umbauten vornehmen. Das Wohnhaus der Schülerschen Werft steht heute noch am Moorreger Deich, gegenüber der ehemaligen Schinkelschen Mühle am Klosterdeich.

Werft SchedelgarFinck Jacobs

Die zweite Moorreger Werft im heutigen Werftweg entstand 1827 und schloss ihre Pforten im Jahre 1960.

Detlef Friedrich Schedelgar, Sohn des Werftbesitzers vom Moorreger Deich (Marschwerft), kaufte im Jahre 1827 von Matthias Lienau ein Grundstück auf der Geest am linken Pinnauufer, genannt Täberg, um eine eigene Werft zu gründen. Er ließ ein Wohnhaus errichten, den Schiffszimmerplatz ebnen und zwei Helgen anlegen. Nach der Fertigstellung der Werft begann man sofort mit Schiffsreparaturen. Bereits im Alter von 32 Jahren verstarb am 20.4.1830 Detlef Fr. Schedelgar und hinterließ 2 Söhne, Detlef und Johann. Die Witwe übernahm vorübergehend den Betrieb, verkaufte ihn dann aber 1832 an Johann Hinrich Finck, dessen Bruder Jochim in Elmshorn eine Werft besaß. Die Werft wurde vergrößert, das Wohnhaus ausgebaut und darin eine Gastwirtschaft eingerichtet, in der hauptsächlich Schifferkundschaft verkehrte. Finck beschäftigte eine größere Anzahl von Gesellen und bis zu 20 Lehrlinge. Die anfallenden Schmiedearbeiten wurden von Schmieden aus Uetersen ausgeführt, während für die Takelung und Besegelung der Schiffe Segelmacher aus Altona anreisten.

Die Werft verfügte nach dem Ausbau über vier Helgen. Es wurden größtenteils Ewer gebaut, jedoch auch einige Galeassen und Schoner. Diese etwas größeren Schiffe konnten jedoch später zur Reparatur nicht mehr aufgeslipt werden, da der Tiefgang der voll ausgerüsteten Schiffe zu groß war. Finck baute seine Ewer zum Teil auch auf eigene Rechnung und verkaufte anschließend die Neubauten. Dadurch wurde die Werftbelegschaft gleichmäßig ausgelastet. Schiffe, die Finck nicht sofort verkaufte, wurden von ihm auch bereedert. So fuhren unter seinem Namen 1845 z.B. "Die zwei Gebrüder" und "Der junge Matthias".

Der älteste Schiffbaubetrieb im Uetersener Einzugsbereich war die Marschwerft am Mooreger Deich, gegenüber von Schinkels Mühle an der Deichstraße. Die Besitzer hießen Nothdorf, Scheldelgar und Schüler. Foto: Archiv Historisches Uetersen

Johann Hinrich Finck verstarb im Jahre 1850, und sein Schwiegersohn Hans Jacobs führte die Werft weiter. Jacobs stammte aus Dithmarschen und hatte bei seinem Schwiegervater das Schiffszimmererhandwerk gelernt. Auch er baute hauptsächlich Ewer für den Verkauf, nahm aber auch alte Schiffe in Zahlung, und alles, was noch gebrauchsfähig war, wurde beim Bau neuer Schiffe wieder verwendet. Die zum Verkauf stehenden Schiffe, wurden in den Zeitungen der Küste von Tondern bis Stade angeboten.

Generationswechsel

1883 starb Hans Jacobs Während die Kinder heranwuchsen, führte seine Witwe den Werftbetrieb weiter. Der älteste Sohn Johann Hinrich hatte von 1878 bis 1883 auf der väterlichen Werft den Beruf des Schiffszimmermanns erlernt. Die Lehrzeit betrug damals noch fünf Jahre. Zwei Jahre lang war er Geselle auf der Krämerscheu Werft in Elmshorn, und hier erlernte er das Zeichnen von Schiffsrissen. 1887 schließlich übernahm er die Leitung der väterlichen Werft, die 1892 dann ganz in seinen Besitz überging.

Im gleichen Jahr heiratete Johann Hinrich Jacobs. Seine Frau stammte aus Uetersen. Ihre Eltern betrieben hier eine gut gehende Gastwirtschaft mit einer Destillation und einem Kohlenhandel. So lag es nahe, dass die junge Frau Metta, geb. Carstens im Wohnhaus der Werft eine Gaststube einrichtete.

Sie wurde zum beliebten Treffpunkt für die Meister der be­nachbarten Zementfabrik und "Zur Erholung" getauft. Auch kehrten hier immer häufiger Spaziergänger ein.