Sonnabend/Sonntag, 29. November 2003  

EIN FLUSS PRÄGT EINE STADT – HERAUSGEGEBEN VOM VEREIN HISTORISCHES UETERSEN TEIL V

Die Pinnau

Von der Klappbrücke bis zur Drehbrücke

Umschlagplätze für Waren aller Art waren die Lösch  und Ladestellen in Uetersen und Esingen

Von Marlen Sönnichsen

Was heute kaum noch vorstellbar ist: Auf der Pinnau herrschte früher reger Verkehr von Frachtschiffen. Landwirtschaftliche Erzeugnisse, Holz, Kohle, Viehdung, Muschelschalen, Ziegel, Töpferwaren und Torf wurden auf dem Wasserweg transportiert. Werften am Moorreger Ufer bauten, neben anderen Werften flussaufwärts, die hierzu benötigten Schiffe und Ewer, und der Uetersener Hafen war Umschlagplatz für Waren aller Art.

Der Handel mit Torf

Hier gab es Grund zum Feiern im kleinen Esinger Hafen. Das Foto von 1910 zeigt in der Mitte der fröhlichen Runde den Gastwirt vorn "Sandberg", August Hell.
Foto: Archiv Kulturgemeinschaft Tornesch

Der Handel mit Torf und die Torfschifffahrt waren im 17. und 18. Jahrhundert von großer Bedeutung für die Region entlang der Pinnau. In der Akte "Beschreibungen des Klosters sowie der Amtsvogtei Uetersen etc. 1735" heißt es hierzu: " Die hiesige Schifffahrt hat sich durch den vermehrenden Torfhandel gebessert. Es sind hier 12 Ewerführer, welche ihre eigene Fahrzeuge haben, so höchstens 6 bis 7 Last Korn fahren können, vorhanden. Ihre Fahrt geht nach Altona und Hamburg mit Korn und Torf, wie denn auch wohl einige nach Glückstadt und Stade fahren, die meisten kommen leer wieder, einige aber bringen Käse, Tran, Seife und noch andere Waren samt Steine und Kalk mit zurück, wie denn auch wohl einige Mist zur Bedüngung des Geest Landes zurückbringen, auch wird von einigen hiesigen Ewerführern, von jenseits der Elbe und zwar von der Oste, Mauersteine, wie auch von Stade Essig geholt und gebracht."

Besonders nach den verlustreichen Kriegen des 17. Jahrhunderts wollten alle Untertanen von den ausgedehnten Torfmooren profitieren, zumal die Bevölkerung zunahm, insbesondere die Zahl der Landlosen und Kleinstellen Besitzer. Zwar gehörten die Torfmoore zum herrschaftlichen Besitz und waren deshalb den Erlaubnis  und Einnahmerechten des Königs unterworfen, doch kümmerte sich niemand darum. Torf war billiges Heizmaterial in der waldarmen Gegend, man brauchte ihn auch zum Brauen, zum Branntweinbrennen und zum Herstellen von Kalk aus Muschelschalen.

Große Mengen Muschelkalk stellten mindestens seit dem Ausgang des 18. Jahrhunderts die Brennereien in Uetersen her. Hier arbeiteten am Neuendeich 3 Betriebe. Schiffer von Uetesen und anderen Orten holten mit ihren kleinen Ewern die Muschelschalen, die von den Watten bei Neuwerk und von der Küste Süderdithmarschens herstammten. Der zum Brennen erforderliche Torf kam teils aus dem nahen Esinger und Heidgrabener Moor, seit der Mitte des 19.Jahrhunderts auch auf Schiffen aus dem Hannöverschen. Torf wurde auch für das Vieh zum Streuen benutzt und vor allem in riesigen Mengen nach Hamburg und Altona verkauft.

Den ganzen Sommer über lagen die Kätner und Kleinbauern im Moor, um Torf zu stechen oder zu backen. Die abgestochene Torfwand war manchmal bis zu 5 Metern hoch. Aus: Jahrbuch 2001 für den Kreis Pinneberg

Im Zustandsbericht des Vogtes Graba der Pinneberger Hausund Waldvogtei vom Jahre 1735 ist vom rastlosen Torfgraben und  verfrachten die Rede. Besonders die kleinen Kätner und Zubauern, aber selbst die Häuslinge, die zur Miete lebten und sich als Tagelöhner ihr Brot verdienten, „lagen" den ganzen Sommer über Tag und Nacht im Moor. Der Torf war ihr Lebensunterhalt, und so war es kein Wunder, dass die Moore durch diesen Raubbau bereits teilweise vernichtet waren und der Torfpreis verfiel. In Appen, Hohn, Esingen und Uetersen konnte der Torf von den Orten, wo er gegraben war, auf kurzem Wege fuderweise direkt zur örtlichen Schiffsstelle gebracht werden, wo die kleinen Torfewer anlandeten und nach und nach vollgeladen wurden, um anschließend mit dem bei Einsetzen der Ebbe abfließenden Wasser abzugehen.

Schlägerei um Zollgelder

Die Hauptanlaufhäfen waren Hamburg und Altona. Bei der Ausfuhr des Torfs aus "Königlich dänischen Landen" wurden Zoll und Akzise (Verbrauchssteuer) fällig. Schon 1639 wird die "Torfakzise" erwähnt. Der Torfzoll hatte nebenbei auch den Zweck, die Ausbeutung der Torfmoore zu mindern, die von der Regierung mit Sorge beobachtet wurde. Der Torfzoll war an einheimische Einnehmer verpachtet. Die Pacht betrug im Jahre 1732 1 Reichstaler 24 Schilling. Der Zollpächter hatte von jedem Schiffer eines voll beladenen großen Ewers 12 Schilling abzufordern, von den Schiffern der kleinen Ewer "von Geest Maß" nur 6 Schilling. Was die Zolleinnehmer darüber hinaus an "Sporteln" (Aufgeld) erhoben und tatsächlich einzutreiben vermochten, wird ihren eigentlichen Profit ausgemacht haben. Doch war dies kein leichtes Unterfangen. Nach dem Bericht eines Zollpächters aus dem Jahre 1704 kam es nicht selten zu Schlägereien und sogar zu Blutvergießen, so dass um Hilfe durch königliche Dragoner ersucht wurde. 1746 hatten die Ewerführer aus dem Pinnebergischen und dem Rantzauischen je nach der Qualität des Torfes zu zahlen: für jedes mit feinem schwarzen Torf beladene Fahrzeug 12 Schilling, für eine Fracht weißen Torfs 6 Schilling. Kleinere Ewer unter 12 Fuder Laderaum (Fuder entspricht einer Pferdewagenladung) zahlten nach der früheren Maßgabe.

1731 beklagten sich Einwohner aus Appen, Esingen und Prisdorf, dass die Heistmer und Uetersener Klosteruntertanen sowie auch die Rantzauer ihren Torf in großen Mengen bis an die Hohe Brücke in Uetersen "oder sonst nach einem bequemen Platz an der Au" brächten, von wo aus die Ewer zollfrei nach Hamburg abgingen. Dieser Torf konnte dann preiswerter verkauft werden. Etwas später, im Jahre 1734, wurde gefordert, den Torfhandel einzuschränken und die Zahl der Ewerführer auf die Hälfte der bisherigen Anzahl zu begrenzen. Gegen Ende des 18. und weiter im 19. Jahrhundert nahm das "Torffieber" merklich ab, was zum Rückgang und schließlich zum Ende der Torfschifffahrt auf der Pinnau führte.

Von 1560 bis 1760, also 200 Jahre, gibt es keine Zeugen, die etwas über die Pinnau aussagen. Sie diente dem Broterwerb der Schiffer und Fischer, und Landwirte nutzten den Wasserweg, um ihre Erzeugnisse zu den Märkten zu bringen. Die Lage und die spätere Entwicklung des Uetersener Klosters mit seinen Besitzungen weisen darauf hin, dass zur Bewirtschaftung auch hier der Wasserweg benutzt wurde. Für die Viehherden, die aus Jütland auf der Trasse des Ochsenweges nach Wedel und Altona getrieben wurden, war die Pinnau das letzte Hindernis, bevor die Tiere die Märkte erreichten. Später wurde der Kleinschiffer zu einem selbstständigen Beruf. Kleinschiffer kauften Waren auf, um diese dann auf eigene Rechnung zu veräußern. Auf diese Weise konnte der Bedarf von Fertigerzeugnissen wie z.B. Ziegel oder Töpferwaren auf dem flachen Land befriedigt werden.

Klosterwiese wurde Anlegestelle

Erst der Klosterschreiber Rost sagt im Jahr 1820 in seiner Chronik folgendes: "Es befindet sich im Westen der Hohen Brücke, diesseits der Aue, doch nahe an derselben ein Platz Landes, welcher 10 Ruth breit und 6 Ruth lang ist (1 Ruth entspricht 4,66 Meter). In alten Zeiten wurde er, wie alle übrigen Klosterwiesen selbst, als Grasland gebraucht. Erst als die Schifffahrt etwas lebhafter wurde, fing man an, ihn als Schiffstelle zu benutzen." Im Abschnitt "Bürgerliches Gewerbe" erwähnt Rost folgendes: "Schließlich sind noch die Schiffer anzuführen, zu deren Gewerbe die am Flecken hinfließende Pinnau recht gute Gelegenheit gibt.

Die beiden Loß  und Ladestellen sind bei der Hohen Brücke und am Klosterdeich.An letzterer Stelle sind deshalb Vorsetzen errichtet, doch ist es auch an anderer passender Stelle erlaubt. Die Schiffe derer man sich bedient, werden hier Ewer genannt und sind gewöhnlich 45, auch wohl 6 Commerzlast groß (1 Commerzlast entspricht 2,6 Tonnen)." Der Name "Ewer" stammt wahrscheinlich aus dem holländischen "Envarer". Dies war die Bezeichnung für Boote, die von einem Fahrer, einer Person, bedient werden.

Im allgemeinen versteht man unter "Ewern" Schiffe bis zu einer Größe von 100 t mit einem flachen Boden (Wattensegler) und einer Kahnplanke. In der Zeit von 1830 bis 1910 entstanden an der Unterelbe mindestens 2000 Frachtewer, und auch auf den Uetersen/Moorreger Werften war dies der gängigste Schiffstyp, der nachgefragt und gebaut wurde.

Torf und Mist für Esingens Hafen

Auch in Esingen, das heute zu Tornesch gehört, gab es bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts eine Lösch  und Ladestelle für Frachtewer an der Pinnau. Die Hafenstraße, die sich in der Pinnauniederung verliert, ist ein letzter Hinweis darauf, daß es hier einmal einen "Hafen" gegeben hat. Nicht nur Torf wurde hier verladen und verschifft, sondern Schuten und Kähne brachten Mauersteine von den Ziegeleien auf der anderen Elbseite, Kies zu Bauzwecken und Mist für die Esinger Gärtnereien. Sogar einen etwa 100 Meter langen Stichhafen gab es, damit die Boote wenden konnten. Oft mussten Schiffsjungen die segelbespannten Ewer "treideln", d.h. an langen Leinen einseitig oder beidseitig vom Deich aus den Fluss entlangziehen.

Die ehemalige Gastwirtschaft "Sandberg" in Esingen. Seit 180 Jahren schaut das von hohen Linden umgebene Gebäude auf die Pinnauwiesen hinunter.
Foto: Archiv Kulturgemeinschaft Tornesch

Der Schiffseigner spornte sie laut brüllend an und gab selber mit einem langen Staken dem Schiff Richtung und Fahrt durch die vielen Windungen des Gewässers. im Frachtbrief des Schiffer Betriebsverbandes für die Unterelbe,   eine Fachgruppe für Kleinschiffer,   sind die anzulaufenden Häfen, die Frachten und Gebühren festgehalten. So kostete z.B. eine Kohlenfracht per 1000 kg im Jahre 1937 bis Uetersen 2 RM, bis Esingen 2,50 RM und bis Pinneberg sogar 4 RM. Kein Wunder, dass der Esinger Hafen sehr viel mehr, auch wegen der größeren Wassertiefe, angelaufen wurde als Pinneberg. Entladen wurde bei hohem Wasser (Flut) direkt auf bereitstehende Pferdefuhrwerke. Bei niedrigem Wasser (Ebbe) wurde erst auf den Lösch  und Ladeplatz entladen, und dann wieder aufgeladen auf Fuhrwerke. Die letzte Bootsladung, einige Fuder Mist für eine Pinneberger Gärtnerei, wurde 1947 gelöscht.

"Gelöscht" wurde gern auch an anderer Stelle, nämlich in der 100 Meter entfernten, auf einer Anhöhe gelegenen Schankwirtschaft "Sandberg". Seit rund 180 Jahren schaut das von hohen Linden umgebene reetgedeckte Gebäude über die Pinnauwiesen und tut es heute noch. Wenn die Ewerführer wegen der Ebbe nicht nach Pinneberg weiterfahren konnten, vertrieben sie sich hier die Zeit bei einem steifen Grog und mit der Tischkegelbahn, die damals die große Attraktion der Schankwirtschaft war. Gemütlich muss es gewesen sein in der Gaststube. Die Fenster waren klein, die Decken niedrig. Ein großer, weißer Kachelofen strahlte im Winter angenehme Wärme aus, und die Petroleumlampen sorgten für Helligkeit. August Hell, der legendäre Esinger Kneipenwirt auf dem "Sandberg", unterhielt an dieser Stelle auch einen Fährbetrieb von hüben nach drüben. Wer zu jener Zeit zu Fuß von Appen nach Tornesch wollte, ohne den Umweg über Uetersen in Kauf zu nehmen, stellte sich kurzerhand an die Pinnau und rief: "Hol röber, August!" 10 Pfennig kostete die Überfahrt, und Fährmann August hatte immer gut zu tun, denn kaum einer konnte sich zu damaliger Zeit ein Fahrrad leisten.

Heute ist die "Hafenkneipe" nur noch ein Wohnhaus in ländlich malerischer Idylle. Unten am Fluss ragte vor einigen Jahren noch ein einsamer, verwitterter Duckdalben vor einer morschen Spundwand aus dem Wasser. Doch auch diese Reste sind durch Eisgang und Gezeiten inzwischen verschwunden, der Hafen durch Pinnaubegradigung und Deichbau verlandet und in Wiese und Grasland übergegangen. Nur Eingeweihte wissen noch, wo der alte Stichhafen gelegen hat. Sumpfvegetation in einem Geländeeinschnitt weist darauf hin.