Sonnabend/Sonntag, 22. November 2003  

EIN FLUSS PRÄGT EINE STADT – HERAUSGEGEBEN VOM VEREIN HISTORISCHES UETERSEN TEIL IV

Die Pinnau

Von der Klappbrücke bis zur Drehbrücke

Walfang war ein einträgliches Geschäft, jedoch mit Lebensgefahr verbunden.

Von Marlen Sönnichsen

Die Grönlandfahrerei brachte für Handel und Gewerbe einen beachtlichen Aufschwung und Gewinn. Schiffswerften, Reepschläger, Fischbeinreißereien und Leimsiedereien waren ebenso ständige Partner der Reeder und Walfänger wie Segelmacher, Blockdreher, Schmiede, Böttcher, Maler, Spundmacher und Blechschläger, natürlich auch die Bandreißer und Tonnenbandhändler. Wenn die Schiffe im Frühjahr für neue Fahrten ins Eismeer ausgerüstet wurden, hatten Mehl  und Senfhöker, Bäcker und Brauer, Schlachter und Viehhändler Hochkonjunktur.

Am Freitag, den 3ten August 1855 in das Journal für das Schiff "Freya" eingetragen von Commandeur Hermann Stockfleth. Das Journal befindet sich im stadtgeschichtlichen Museum in Uetersen.

 

Katastrophe im Eismeer

Mann über Bord

Bis zum Jahre 1850 fuhr die "Freundschaft" mit wechselndem Erfolg unter den Kommandeuren B. Meinerts (bis 1824), Claus Schinkel (bis 1847) und Jacob Früchtenicht (bis 1850). Ab 1850 hieß das Schiff "Freya". Kommandeur blieb Jacob Früchtenicht. Im Journalbuch der "Freya" von 1852/53 hat Früchtenicht u.a. folgendes tragische Ereignis auf einer Fahrt ins Eismeer eingetragen:

27. April: Jetzt waren wir mit einem wohlbehaltenem Schiffe und gesunder Manschaft in Grönland. Gott segne unsern Fang!

20. July: Unser Fang: 194 Robben und 1 Eisbär, wovon wir 6 Fäßer Speck haben.

25. July: Die See lief hoch aus Süd West, führten kleine Segels wegen hoher Seegang. Um 4 1/2 fiel ein Mann Namens Jacob Lindemann aus Uetersen übers Bord. Holten die Vordersegels gegen, warfen ihn Tauen zu und machten eine Chalupe los, um ihn zu retten. Er ward aber nur einmal wieder gesehen gleich nachdem er heruntergefallen war, und nachdem hat ihn keiner von der ganzen Schiffsmannschaft wieder gesehen, welche alle aufs Verdeck gerufen waren. Er war von den Wellen begraben und für uns verloren. Heißten die Trauerflagge auf und Brasseten die Vordersegels wieder voll.

Am 8. April 1859 versank das Uetersener Walfangschiff "Eintracht" in den eisigen Fluten vor Grönland. Commandeur Hermann Stockfleth und seine Mannschaften konnten sich glücklicherweise retten. Eine nächste Fahrt ins Eismeer mit neuem Schiff gab es nicht mehr. Foto: Archiv Historisches (Jetersen

5. August: Um 3 Uhr ankerten wir vor der Pinnau, Pagensand gegenüber auf 5 Faden Tiefe und 30 Faden Kette. ich fuhr sodann mit einer Chalupe nach Uetersen, um unsere Ankunft zu melden.

Am 15, Oktober 1858 wurde die "Freundschaft" bzw. "Freya" erneut verkauft und von Peter von Leesen, Gemeindevorsteher und Hofbesitzer in Moorrege, erworben. Dieser gründete eine neue Grönlandgesellschaft. Das Original der Satzung befindet sich im Stadt  und Heimatgeschichtlichen Museum in Uetersen. Folgendes wird u. a. in dieser Satzung festgelegt

§1 Die Reederei nimmt den Namen "Uetersener Grönlandsrhedery" an. Gerichtsstand ist die Klösterliche Obrigkeit in Uetersen.

§4 legt fest, dass 8 14 Tage nach dem Ende der Fangreise eine Generalversammlung beschließt, ob das Schiff im folgenden Jahr erneut zu einer Fangreise ausläuft. Die Leitung der Gesellschaft wird einer Direktion übertragen, die jährlich gewählt wird. Der gewonnene Tran wird nicht durch die Grönlandgesellschaft verkauft, sondern im Verhältnis der Anteile an die Reeder gegeben. Jährlich im Mai und im Oktober hat eine Generalversammlung stattzufinden, in der die Rechnungsbelegung vorgenommen wird."

Ein Freund und Förderer Peter von Leesens ist J.P. Lange von der Neuen Mühle, die damals noch zu Groß Nordende gehörte. Lange wird auch Parten Rheder (Anteilseigner). Noch im ersten Viertel des 20. Jahrhunderts konnte man in der Gegend um Uetersen die Zeugen einer jahrzehntelangen Walfangtätigkeit finden. Hohe Toreinfahrten an manchen Bauernhöfen entpuppten sich bei näherem Hinsehen als gewaltige, an der Spitze zusammengehaltene Kinnbacksknochen eines Wals, die oftmals, obwohl sie fast zwei Meter im Boden steckten, noch über vier Meter in die Höhe ragten.

Die letzte Fahrt der "Eintracht"

Peter von Leesen, Gerneindevorsteher und Hofbesitzer in Moorrege, gründete 1858 die "Uetersener Grönlandsrhedery". Das Foto zeigt ihn mit seiner Frau, einer geborenen v.Döhren, und seinem ältesten Sohn. Foto:Lavorenz

Mit Kommandeur Hermann Stockfleth ging das Schiff am 2 März 1859 von Glückstadt aus mit 53 Mann Besatzung in See. Die Fahrt stand von Anfang an unter keinem guten Stern. Die Elbe konnte erst am 7. März verlassen werden. Es herrschten widrige Winde, und die Fahrt wurde von Sturm begleitet. Am 10. März auf der Position 55 Grad 8' nördl. Breite und 5 Grad 51' westl. Länge brach der Bugspriet. Der Klüverbaum wurde als Ersatz angeschlagen und die Reise fortgesetzt. Am 15. März wurde die norwegische Küste gesichtet. Nach dem Verlust einer Schaluppe erreichte man am 27. März um 10 Uhr das Eis auf der Position 71 Grad 17' nördl. Breite und 5 Grad 58' westl. Länge.

Das Protokoll der späteren Seegerichtsverhandlung sagt weiter: "Am 8. April morgens steife Kühle und Schneegestöber. Wir segelten westwärts am Eise, sahen 4 Schiffe. Um 10 Uhr begab es sich, dass wir zwischen zwei großen Eisschollen durchsegeln wollten, wo zuerst die Öffnung groß genug war, dass das Vorderteil des Schiffes dazwischen kam.

Das Schiff ist leck !

Wir erhielten einen so heftigen Stoß, dass etliche von der Mannschaft im Vorderschiff sogleich das Wasser in das Schiff hineinlaufen hörten, und wir riefen: "Das Schiff ist leck, das Schiff ist leck". Wir bemerkten, dass es auf der Backbordseite war, und wir legten sogleich unser Schiff über Steuerbord, riefen alle Mann auf's Deck und pumpten, setzten auch die Notflagge auf. Der Commandeur Peter S. Carl von der "Tidsholds" von Flensburg und Commandeur Dessen vom Schiff "Frederik de VII" von Bornholm kamen sogleich mit ihren Steuerleuten und untersuchten unseren Schaden, den wir bekommen hatten. Das Leck war so groß und so tief unter der Wasserlinie, dass wir das Schiff nicht halten konnten."

Abends um 21 Uhr überzeugten die Mannschaften und die Harpuniere die Schiffsführung, dass es besser sei, das Schiff zu verlassen, weil es keine Rettung gab. Die Leute gingen auf das Eis und konnten dadurch sich und ihre Habe in Sicherheit bringen. Sie wurden von der "Tidsholds" aus Flensburg aufgenommen. Als der Commandeur schließlich das Schiff verließ, war dasselbe bis auf zwei Fuß unterm Zwischendeck voll Wasser. Am 16. April wurden der Commandeur und einige Mitglieder der Mannschaft von dem englischen Dampfschiff "Gertrud" aufgenommen und nach Hull gebracht. Der Rest der Mannschaft wurde auf verschiedene Walfänger verteilt und kam erst am Ende der Fangsaison zurück. Die Seegerichtsverhandlung fand am 7. Mai 1859 in Uetersen statt.

Der Verlust des Schiffes "Eintracht" bedeutete nicht das Ende der Uetersener Grönlandrhederey. Man beschloss, ein neues Schiff zu kaufen und betraute den alten Kommandanten, Hermann Stockfleth, mit der Aufgabe, dieses Schiff ausfindig zu machen.

Ein Blauwal von 100.000 kg hat das Gewicht von 30 bis 50 Elefanten oder 150 bis 170 Mastochsen. Er liefert etwa 23.000 Liter Öl, das entspricht dem Fettgehalt von ca. 500 Schweinen. Aus: Schleswig Holsteins Grönlandfahrt (Wanda Oesau)

Schon bald wurde in Hamburg eine Brigg (Zweimaster) gefunden. Die Umbauarbeiten wurden von Hermann Stockfleth überwacht. Bei diesen Arbeiten verstarb der Kommandant plötzlich an einem Herzschlag an Bord des Schiffes. Erst dieser Tod wurde als Omen ausgelegt, und die Grönlandfahrt wurde endgültig eingestellt.