Sonnabend/Sonntag, 15. November 2003  

EIN FLUSS PRÄGT EINE STADT – HERAUSGEGEBEN VOM VEREIN HISTORISCHES UETERSEN TEIL III

Die Pinnau

Von der Klappbrücke bis zur Drehbrücke

Jahrhundertelang diente die Pinnau Handel und Industrie als Lebensader. Doch ebenso war der Fluss auch viele Male Bedrohung für Mensch und Tier. Zahlreiche Sturmfluten forderten Ihre Opfer. Erst der Bau des Sperrwerks brachte Sicherheit.

Von Marlen Sönnichsen

Ende des 16. Jahrhunderts (1596) versuchten holländische Schiffe unter Jacob Hemskerk, eine nördliche Passage nach Indien und China zu finden. Statt der Durchfahrt fanden sie einen unermesslichen Reichtum an Walen. Dies war der Beginn der Grönlandfahrten. Durch die Holländer, Engländer und Biskayer wurde die Jagd auf den Wal eröffnet. Auf den Inseln „Jan Meyen“ und „Spitzbergen“ wurden die ersten Tranbrennereien angelegt. Der Reichtum des Meeres war so groß, dass die Tiere vom Ruderboot aus erlegt und gleich zur Trankocherei geschleppt wurden. Der gebrannte Tran wurde dann von Transportschiffen zum europäischen Festland gebracht.

Aus allen Richtungen hielten die Walfangschiffe Kurs auf das nördliche Eismeer. Auf Walfang in der gefürchteten Grönlandsee m Wagemut und Männlichkeit. Zeitgenössisches Aquarell, Original im Altonaer Museum

Walfang und Tranbrennerei

Der erste Hamburger Tranfrachter traf 1624 in Hamburg ein. Obwohl zwischen den oben genannten Nationen (Dänemark gesellte sich ca. 1620 dazu) ein harter Verdrängungswettkampf stattfand, konnte Hamburg 1644 die erste Grönlandfahrt ausrichten. Die Privilegien dafür wurden von dem dänischen König Christian IV nach der Beilegung des Elbzollstreits erteilt (Gründung Glückstadts und Blockade der Elbe). Obwohl von den holsteinischen und niedersächsischen Häfen aus, ebenso wie aus der Ostsee (Eckernförde, Flensburg, Kiel und Rostock)Walfang betrieben wurde, nahm Hamburg eine führende Stellung ein. Bis zum Jahre 1808 wurden von Hamburg aus  ca. 6.000 Grönlandfahrten unternommen. Durch die Kontinentalsperre während des napoleonischen Krieges kam der Walfang zum Erliegen. Nach Aufhebung dieser Blockade ist der Walfang von Hamburg aus nicht wieder zur alten Blüte gelangt.

Uetersener Bürger hatten am Hamburger Walfang ihren Anteil. Nach der Volkszählung von 1803 fuhren nach Grönland (damalige Bezeichnung für das gesamte Eismeer): Berthold Heinriech Meynert, Kommandeur, Claus Schipmanns, Hinrich Hasler, Peter Siemsen, Jacob Freytag, Mars Hinrich Martsen, Albert Baas und Hinrich Koopmann. Ein weiterer Uetersener Grönlandkommandeur war Otto Mehlen. Er befehligte von 1836 1838 „Die Hoffnung“, Hamburg, und von 1839 1854 „De junge Conrad“, Hamburg.

Ein prächtiges Tor von 4 m Höhe aus den Kinnbacksknochen eines Wals schmückte einst den Garten des Bauern Wulf in Haselau. Foto: Hans Ehlers

Die Grönlandfahrt mit einem Uetersener Schiff hat sich recht spät ergeben. Von Glückstadt aus betrieb man den Walfang seit 1761, von Kollmar seit 1768, Elmshorn folgte 1817 mit der „Flora“. Zur gleichen Zeit wurde von Uetersen aus die „Freundschaft“ ausgesandt. In der Chronik des Klosterschreibers Rost aus dem Jahre 1820 wird gesagt, dass „seit 3 Jahren auf Robben und Walfischfang“ gefahren wird.

Die erste Uetersener Walfanggesellschaft wurde am 23. Februar 1823 gegründet. Ältermann der sogenannten „Grönlandkompagnie“ war Magnus Feuerschütz. Er kaufte in Altona eine Brigg, ein ehemaliges Frachtschiff, das erst für die Grönlandfahrt umgebaut werden musste und gab ihr den Namen „Freundschaft“. Das Schiff maß 112,5 Commerzlasten, d.h. ca. 250 tons. Da gerade ein sehr strenger Winter herrschte, beantragte er beim Klosterpropsten in Uetersen die Erlaubnis, Brot, Fleisch, Bier und Branntwein frei von Uetersen nach Altona zum Schiff ausführen zu dürfen, denn die Pinnau und auch große Teile der Elbe waren zugefroren, und das Schiff konnte nicht nach Uetersen gesegelt werden. Außerdem beantragte er die zollfreie Einfuhr von wichtigen Bestandteilen einer Trankocherei, die er billig im Hannöverschen habe kaufen können, und die er an der Pinnau vor dem Deiche (das war am Klosterdeich) aufstellen wolle. Beide Anträge wurden genehmigt.

Walfänger waren Helden

Ein Schiff von mittlerer Größe, wie die „Freundschaft“, hatte 6 7 Schaluppen (Beiboote) und eine Besatzung bis zu 50 Mann. Der Schiffsführer wurde Kommandeur genannt. Die wenigsten der nach Grönland fahrenden Kommandeure und Steuerleute hatten eine Prüfung auf einer Navigationsschule bestanden, aber sie konnten alle die Breite berechnen und wussten aufgrund langjähriger Erfahrungen ihren Kurs wohl zu bestimmen und sicher zu halten, obwohl kein Chronometer an Bord war. Dem Range nach folgten nach dem Kommandeur der Steuermann und dann erst sechs oder sieben Offiziere, meist ältere, erfahrene Männer. Zur Besatzung gehörten außerdem ein Zimmermann, ein Böttcher, ein Schuster und ein Barbier, der gleichzeitig als Arzt fungierte. In manchen Musterrollen alter Walfänger findet man diese Leute auch als "Meister und Schiffschirurg" bezeichnet. Außer Verletzungen beim nicht ungefährlichen Walfischfang kamen Erkrankungen in der reinen, gesunden Luft des Eismeeres allerdings sehr selten vor.

Jedem Offizier wurde eine Schaluppe mit fünf Mann zugeteilt, so dass jeder wußte, wo sein Platz war und was er zu tun hatte. Der Walfang war bei den primitiven Hilfsmitteln der damaligen Zeit   die Harpune zum Beispiel bestand aus einem langen, hölzernen Stab mit einer Metallspitze und musste von der Schaluppe aus, die vom Walfangschiff ausgesetzt wurde, mit der Hand geworfen werden   eine äußerst gefährliche Jagd. Denn die Wale wehrten sich, und wehe, wer mit seinem kleinen Boot einem solchen Tier im Todeskampf zu nahe kam. Hunderte von Walfängern, junge Männer im Alter von 18 bis 30 Jahren, haben im Eismeer ihr Leben gelassen.

Die Grönlandfahrer liefen im März zu ihrer Fangreise mit ca. 50 Mann Besatzung aus und kehrten Ende Juli/Anfang August zurück. Damit hatten die Besatzungsmitglieder die Möglichkeit, als Tagelöhner oder auf dem eigenen Bauernhof bei Erntearbeiten tätig zu werden. Wenn ein solches Schiff von der monatelangen Reise zurückkam, wurden die Mitglieder der Mannschaft wie Volkshelden gefeiert, denn die Reisen waren, wie schon beschrieben, nicht ungefährlich. Aber Jungbauern und jüngere Knechte packte die Abenteuerlust, und die Gefahr schreckte sie nicht. Auf Walfang in der gefürchteten Grönlandsee gewesen zu sein, war zu damaliger Zeit der Inbegriff von Wagemut und Männlichkeit. Nicht nur am heimischen Herd, sondern auch im Dorfkrug lauschte man andächtig den farbenprächtigen Erzählungen von riesigen Walfischen, von Eisbären, Walrossen und flinken Pelzrobben. Man staunte, dass auf dem ewigen Eis Tausende von Polarfüchsen leben, dass die Mitternachtssonne die dunkle Nacht hell erleuchtet und dass dort Menschen in Eishütten leben und riesige Rentierherden ihr Eigen nennen.

Aus alten Abrechnungen ist zu entnehmen, dass ein Wal damals den Wert von etwa 150 Ochsen darstellte. So gesehen waren die Wale für die Schiffseigner und Reeder, aber auch für die Kapitäne der Walfangschiffe, wahre Goldgruben, und man setzte alles daran, diese riesigen Meeressäuger zu erlegen. Die Bedingungen für die Mannschaften waren miserabel, aber die allgemeine Not war damals so groß, dass jede sich bietende Gelegenheit, ein paar Thaler zu verdienen, wahrgenommen wurde.

Trankochen stank erbärmlich

Walfang war ein äußerst gefährliches Unternehmen. Hunderte von jungen Männern, auch aus Uetersen und den Marschdörfern, haben im Eismeer ihr Leben gelassen. Bild: Archiv Historisches Uetersen

Kehrten die Walfänger in die Heimat zurück, begann die Verwertung der mitgebrachten Beute. Der Speck kam in die Trankocherei, das Fischbein wurde gesäubert und sortiert, die Robbenfelle entsalzt, gespannt und getrocknet. In Uetersen lag die Trankocherei unmittelbar am alten Klosterdeicher Hafen, neben der Fähre, die hier über die Pinnau hinüber nach Bauland pendelte. Eine solche Trankocherei, auch Tranbrennerei genannt, bestand aus mehreren gemauerten Steinöfen, die als Brennstellen für große kupferne Kessel oder Pfannen gebraucht wurden, in denen der Speck ausgelassen und als Tran in Fässer und Kübel abgefüllt wurde.

Die Trankocherei verbreitete einen übel riechenden Gestank, der so penetrant war, dass die Menschen in den Tagen des Trankochens Fenster und Türen fest verschlossen hielten. Wenn Uetersens „Freundschaft“ von ihrer Fangreise zurückgekehrt war, brannten die Holzfeuer unter den Kesseln am Klosterdeich Tag und Nacht. Das Feuer musste so gleichmäßig unterhalten werden, dass die „Feiste“ nur ganz eben kochen konnte, der Speck nicht anbrannte und der Tran „seine rechte Couleur“ bekam. Die Verwendung des Trans war vielseitig. Vor allem diente er für Beleuchtungszwecke in Haus und Stall, in den Werkstätten und auf Schiffen. Die dazu benötigten Tranlampen (Tranfunzeln) findet man auch heute noch in jedem Heimatmuseum.

Die Straßenbeleuchtungen, die man zu damaligen Zeiten eigentlich nur in den großen Städten kannte, wurden ausschließlich mit Tran betrieben. Aber auch zu Heilzwecken, ja sogar zur Speisenzubereitung wurde Tran genommen, allerdings nur der allerbeste. Die geringeren Sorten benutzte man als Maschinenöl und zum Abfetten von Tür  und Schrankhängen. Unentbehrlich war der Tran für Gerber und Seifensieder. Es ist verständlich, dass den Trankochereien der Grönlandgesellschaften das fertige Produkt fast aus den Händen gerissen wurde. Man nannte es das „edle Fett, von Glantz wie Silber an der Sonnen“.

Schwanzflosse als Schaustück am Klosterdeich

Aus dem Jahr 1856 liegt ein humorvoller Bericht eines Augenzeugen vor: „Der Uetersener Grönlandfahrer „Eintracht“ war mit dem Speck eines Walfisches und einigen hundert Robben aus dem Eismeer zurückgekehrt. In der Tranbrennerei am Klosterdeich war man schon seit einigen Stunden in voller Tätigkeit.

Für Uetersen in seiner idyllischen Abgelegenheit ein Ereignis, dessen Bedeutung sich noch steigerte, als bekannt wurde, daß die Schwanzflosse des Meerriesen am Deich als Schaustück ausgebreitet liege. Selbstverständlich ging alles desselben Tages hinaus. Da lag nun an der Böschung des Deiches im Glanz der strahlenden Julisonne die bereits vor 5 oder 6 Wochen  vom Kadaver des Walfisches abgehauene Schwanzflosse in ihrer ganzen stinkenden Größe.

Einbringlicher konnte den Partnern (Anteilseignern) der „Eintracht“, die schon seit Jahren nicht auf die Kosten der Ausrüstung gekommen waren, die Leistungsfähigkeit ihres Schiffes und seiner Mannschaft nicht vor Augen geführt werden.

Gewiß, bei der Betrachtung des Beutestücks mußte sich ihre Hoffnung auf das Glück der nächsten Reise aufs neue beleben. Die Leute, die in der Tranbrennerei ihr Werk an den in der großen Pfanne brodelnden und zischenden Speckmassen verrichteten, nahmen wir mit größter Aufmerksamkeit und gebührender Hochachtung in Augenschein.“