Die Pinnau - Eine Serie vom Verein Historisches Uetersen  
Sonnabend/Sonntag, 20./21. März 2004  

EIN FLUSS PRÄGT EINE STADT – HERAUSGEGEBEN VOM VEREIN HISTORISCHES UETERSEN TEIL XXI

Die Pinnau

Von der Klappbrücke bis zur Drehbrücke

Mit dem Bau der Drehbrücke endete die Fährverbindung zwischen Neuendeich und Klevendeich / Moorrege

Von Marlen Sönnichsen


Blick von der Drehbrücke auf die von Uetersen kommende Pinnau. Im Bild links das ehemalige Gasthaus Ladewig. Foto: Sönnichsen

Auf der Höhe der heutigen Drehbrücke in Neuendeich gab es bis vor 117 Jahren eine weitere Fähre über die Pinnau. Sie wurde bis 1848 vom Klevendeich auf Moorreger Seite aus betrieben. Die letzte Besitzerin war vor 1848 die Witwe von Claus Stockfleth. Stockfleth fuhr in der Walfangzeit März bis August als Commandeur auf dem Elmshorner Grönlandschiff "Flora". Er verunglückte 1841 tödlich durch einen herabfallenden, vereisten Schiffsmast. Seine Söhne waren ebenfalls Seefahrer, und allein konnte die Witwe den Fährbetrieb nicht weiterführen.

Fähre und Drehbrücke Neuendeich

Eine Brücke zwischen Marsch und Uetersen

Nun wechselte die Erlaubnis zum Betreiben der Fähre auf die rechte Pinnauseite. Landwirt Jacob Hauschildt, damals Gevollmächtigter in Neuendeich, erhielt am 18. Mai 1848 die Fährgerechtigkeit über die Pinnau, und er erhielt die Erlaubnis, in dem Fährhaus Oberrecht Nr. 75, das er noch bauen wollte, eine Gastwirtschaft zu betreiben. Haus und Gastwirtschaft "Zum Fährhause“ verpachtete er dann an seinen älteren Bruder Matthias. 1864 kaufte sein Sohn Hinrich die Gaststätte mit der Fährgerechtigkeit. Hinrich Hauschildt war Bandreißer, Fährmann und nun auch Gastwirt.

Das "Gasthaus zur Fähre" von Caspar Ladewig um 1910. Die   hier noch hölzerne   Brücke führte zur Straße auf dem Brückenberg. Foto: Schweim

Die Bestrebungen, eine Brücke über die Pinnau bei Neuendeich / Klevendeich zu bauen, reichen weit in die Vergangenheit zurück. 1868 berichtete das „Uetersener Wochenblatt“ von den langjährigen Bemühungen: „Bekanntlich ist schon mehrere Male das Projekt, die Marschdistrikte durch eine Brücke direkt mit dem Flecken Uetersen zu verbinden, aufgetaucht. ... Mit Rücksicht nun auf die Wichtigkeit dieses Baues wird jetzt von den Marschbewohnern und den Einwohnern des Fleckens eine Eingabe an die Regierung gerichtet werden, dahin lautend: Die Königliche Regierung wolle den Bau einer Brücke über die Pinnau zur Verbindung des Fleckens mit den Marschdistrikten auf Staatskosten übernehmen.“

Doch erst fast 20 Jahre später wurde mit der Planung zum Bau der Chausseebrücke Neuendeich/Klevendeich begonnen. 1886 wurde von der Königlich Preußischen Kreisverwaltung eine öffentliche Ausschreibung durchgeführt. Bereits im November 1886 war der Brückenberg aufgeschüttet, und im November 1887 wurde die Drehbrücke für den Verkehr freigegeben. An den Brückenbau waren mehrere Bedingungen geknüpft, die wesentliche Veränderungen in der Landschaft brachten: Auf Neuendeicher Seite wurde der Brückenberg aufgeschüttet, und die Pinnau wurde begradigt, indem das Flussbett um etwa 20 Meter verlegt und so eine für die Schifffahrt hinderliche Flussschleife entschärft wurde.

Schwere Zeiten für die Hauschildts

Der alte Pinnauarm wurde zugeschüttet und als Außendeichsgelände genutzt. Auf der anderen Flussseite war man bereits zwei Jahre vorher tätig geworden. Hier hatte der Wegeverband Haseldorf Straße und Fußsteig von Kamperrege bis zur Pinnau fertig gestellt, und mit der neuen Drehbrücke war nun die sichere Verbindung zwischen Marschdörfern und Uetersen geschafft.

Im Oktober 1901 wurde das Richtfest des Brückenwärterhäuschens gefeiert. Dabei waren auf dem Gerüst von links: Christian Busch, Brückenwärter von 1896 bis 1933, Theodor Friedrich, Erbauer der Drehbrücke, Matthias Timm, Zimmerermeister Peter Plump, Hermann Bock. In der vorderen Gruppe konnten wir ermitteln (von links): Margaretha Busch, geb. Timm, Ehefrau des Brückenwärters, unbekannt, Mutter des Brückenwärters Busch, Greta Dalbkermeyer, unbekannt, Margaretha Heinsohn, Johann Dreyer, die weiteren drei Herren sind unbekannt. Die drei Kinder mit den weißen Matrosenmützen sind die Kinder des Brückenwärters, Hinrich, Helmut und Asmus Busch. Die anderen zwei sind Kinder aus der Nachbarschaft. Das Brückenwärterhaus wurde 1974 abgerissen und neu erstellt. Foto: Schweim

Doch jedes Ding hat zwei Seiten, denn durch den Bau der Drehbrücke wurde die Fähre plötzlich überflüssig, und Hinrich Hauschildt verlor die Fährgerechtigkeit und damit einen Teil seiner Existenz. Hinzu kam

persönliches Unglück: Sowohl seine erste als auch seine zweite Frau starben in jungen Jahren nach langer Krankheit. Hinrich Hauschildt machte dennoch tapfer weiter. Als Ersatz für die Einnahmen aus der Fähre baute er einen Tanzsaal, erweiterte das Haus und musste nun noch eine lange Brücke zur Straße bauen, da diese durch den Bau der Drehbrücke auf den Brückenberg vorverlegt und höher gelegt worden war. Denn nun lag das Fährhaus aus Sicht der neuen Straße unten im Grund.

Brückenbauingenieur Theodor Friedrich mit seiner Frau Cäcilie, geb. Timm, aus Neuendeich und den Söhnen Theodor und Walter.

Doch alles Mühen war vergebens. Die hohen Arztkosten für die beiden Ehefrauen und die fehlenden Einnahmen aus dem Fährbetrieb trieben Hauschildt schließlich in den Konkurs. Hinzu kam , dass inzwischen auch auf Klevendeicher Seite eine neue Gaststätte errichtet worden war und nun rund um den Brückenberg vier Tanzsäle miteinander konkurrierten. Alle Gaststätten waren Nebenerwerbsbetriebe. Die Klevendeicher Wirtschaft wurde schon nach sechs Jahren wieder verkauft, und zwar an Hermann Vietheer.

Viehhändler Ladewig wurde Gastwirt

1893 erwarb dann der Viehhändler Caspar Ladewig Hauschildts Gaststätte "Zum Fährhause" aus der Zwangsversteigerung. Hinrich Hauschildt und seine drei Kinder mussten das Haus verlassen und kamen zu Bauern in Neuendeich. Der älteste Sohn konnte 1898 als Seminarist nach Uetersen ziehen. Er wurde hier in der Seminarstraße zum Lehrer ausgebildet. Später hat er auch seinem jüngeren Bruder Jacob eine Ausbildung ermöglicht. Jacob Hauschildt beschrieb sein Heimatdorf Neuendeich in plattdeutschen Versen, die häufig in den Uetersener Nachrichten veröffentlicht wurden.

Seit 1963 kein Gasthaus mehr

Katharina Ladewig, die letzte Wirtin im "Gasthaus zur Fähre". Foto: privat

Gastwirt Caspar Ladewig verstarb im Jahre 1909. Seine Witwe führte die Gaststätte noch weitere zehn Jahre und verkaufte sie 1919 an ihren Sohn Friedrich Wilhelm Ladewig, der Sattlermeister war.

Die letzte Gastwirtin war dessen Witwe Katharina Ladewig. Da ihr Sohn einen anderen Beruf ergriffen hatte und fortgezogen war, also kein Nachfolger in der Familie da war, gab sie die Gaststätte 1963 auf. Heute wohnt hier ihre Tochter Luise Ladewig, eine bekannte Heimatforscherin. Die ungewöhnlich lange Brücke zwischen Straße und Haus, die 1887 nach dem Bau der Drehbrücke und des Brückenbergs in Holz erstellt und 1948 durch Beton erneuert wurde und die für die heutige Generation so charakteristisch für dieses idyllische Fleckchen Heimat an der Pinnau war, gibt es nun auch nicht mehr. Vor ein paar Jahren wurde sie abgebrochen.

Ende der Serie "Die Pinnau"