Die Pinnau - Eine Serie vom Verein Historisches Uetersen  
Sonnabend/Sonntag, 13./14. März 2004  

EIN FLUSS PRÄGT EINE STADT – HERAUSGEGEBEN VOM VEREIN HISTORISCHES UETERSEN TEIL XX

Die Pinnau

Von der Klappbrücke bis zur Drehbrücke

Ein mittelständischer Handwerksbetrieb am Pinnaudeich mit einer langen Familientradition

Von Marlen Sönnichsen

Warum trägt ein Zimmermann einen breitkrempigen Hut, und warum sind seine Hosenbeine unten so weit ? Beides hat ganz praktische Gründe: Es verhindert nämlich, dass beim Arbeiten Sägespäne in die Schuhe beziehungsweise hinter den Hemdkragen "krabbeln" und die Haut reizen und aufscheuern.

Die Zimmerei Plump in der Deichstraße 25c 27
Foto: Sönnichsen

Auf einem hohen Bockgerüst stehend, zersägten die Zimmerleute früher im Winter mit einer 2,50 Meter langen Schrotsäge von Hand die runden Holzstämme zu Kanthölzern und Bohlen als Vorratsholz für den Sommer. Wer unten am Fuße des Bockgerüsts das Holz entgegennahm, trug den Hut mit dem breitesten Rand, nämlich 15 cm, denn auf ihn fiel die größte Menge Späne herab. Auch die weiten Hosenbeine verhindern das Eindringen von Spänen, in die Schuhe. Dazu hatte und hat der "Schlag" aber noch eine weitere Bedeutung: Wer auf dem Gerüst oder Dachstuhl balancierend in gebückter Haltung arbeiten muss, dem verdeckt die ausladende Hose den Blick hinunter in die schwindelerregende Tiefe und hilft, das Gleichgewicht zu halten. So dokumentiert die Arbeitskleidung der Zimmerleute die Tradition, aus der heraus sie entstanden ist, und an der heute aus praktischen Gründen immer noch festgehalten wird.

Von langer Tradition kann auch die Familie Plump in der Deichstraße Nr. 25c 27 erzählen. Sechs Plumps immer Vater, Sohn   hielten und halten die Familientradition in dem mittelständischen Handwerksbetrieb am Pinnaudeich aufrecht: Peter seit 1872, Johann Peter seit 1901, Johann seit 1920, Johannes seit 1944, Johann Otto seit 1970, Stefan Johannes seit 1997. Seit dem Jahr 2001 steht Rainer Litschke als Teilhaber in einer OHG mit Stefan Plump gemeinsam am symbolischen Hobel.

Die Zimmerei Plump an der Deichstraße

Hoch zu Ross zu den Baustellen

Peter Plump, der Firmengründer, machte sich 1872 als Zimmermann in Neuendeich selbstständig. Zusätzlich zu seiner Zimmerei unterhielt er einen Baustoffhandel zur Sicherung der Existenz in der damals wirtschaftlich schwierigen Zeit. Hoch zu Ross sah man ihn damals an den verschiedenen Baustellen nach dem Rechten sehen. Sein Sohn Johann Peter führte die Zimmerei von 1901 bis 1920. Dessen Sohn Johann junior, Inhaber der Firma von 1920 bis 1944, verlegte den Betrieb von Neuendeich/Oberrecht nach Uetersen, zunächst in ein Gebäude gegenüber von Schinckels Mühle, dann in die Deichstraße 27. Den Dachstuhl dieses Gebäudes hatte er nach einem Brand wieder aufgebaut. Doch bevor er seinen verdienten Lohn bekam, setzte sich dessen zahlungsunfähiger Besitzer auf Nimmerwiedersehen nach Amerika ab. Johann Plump kaufte das Haus, und seitdem befinden sich Werkstatt und Wohnhaus der Firma Plump in Uetersen an der Pinnau.

Eine fertige Gaube wird in das Dach eines Wohnhauses eingefügt. Foto: privat

Die Familientradition setzte sich fort. Von 1944 bis 1969 war Zimmerermeister Johannes Plump Firmenchef. Er hatte mit seinem Betrieb großen Anteil an der baulichen Entwicklung und dem Aufbau nach dem Krieg in Uetersen und Umgebung. Neben der reinen Zimmerei wurden auch Wasserbauarbeiten und Rammarbeiten für Pfahlgründungen durchgeführt. Zahlreiche Gebäude der Stadt stehen auf Pfählen, denn quer durch Uetersen verläuft eine Torfmoorader. Bevor gebaut werden konnte, musste erst einmal ein fester Untergrund geschaffen werden, damit das Bauwerk nicht versank. Die ehemalige Sparkasse zum Beispiel stand auf 11 Meter tief eingerammten Pfählen, die alte Meierei, jetzt Minimal Markt, ruhte auf ebensolchen.

Wasserbauarbeiten wurden meist in den Wintermonaten durchgeführt, wenn sonstige Bautätigkeiten witterungsbedingt ruhen mussten. In den 50 iger und 60 iger Jahren war man aus heutiger Sicht spärlich ausgerüstet. Sollten etwa die Duckdalben in der Pinnau bei der Drehbrücke erneuert werden, geschah dies vom Ufer aus. Pfahl für Pfahl "hangelten" sich die Zimmerleute voran, bis zur Flussmitte, wo die Duckdalben eingerammt werden sollten. Johann Otto Plump erinnert sich an Reparaturarbeiten unter der Drehbrücke. Es war tiefer Winter, die Zimmerer hatten sich ein provisorisches Hängegerüst gebaut, dieses unter der Brücke an Ketten befestigt, die Ketten rissen, die Männer fielen ins eiskalte Pinnauwasser. Einer von ihnen geriet gar zwischen Wasser und Eisschicht und drohte, mit dem Wassersog davon gerissen zu werden. Glücklicherweise konnten die Kameraden ihn noch rechtzeitig befreien und ans Ufer ziehen. Und was tat der vor dem Ertrinken Gerettete? Fuhr nach Hause, zog sich trockene Sachen an und erschien wieder zur Arbeit. Soviel zu den "Freuden der Pflicht" in damaliger Zeit.

Großer Schaden durch die Sturmflut

Bei der 750 Jahrfeier der Stadt im Jahre 1984 präsentierte die Firma Plump das Zimmererhandwerk Foto: privat

Im Februar 1962, als ein schwerer Orkan die Pinnau über die Ufer treten ließ und auch die Innenstadt unter Wasser setzte, erlitt die Zimmerei Plump großen Schaden, den niemand ersetzte. Sechs Doppelhäuser für die Neue Heimat Tornesch lagen fertig abgezimmert auf dem Firmengelände am Ufer der Pinnau. Die Fluten stiegen und stiegen, überschwemmten das Gelände, hoben die schweren Hölzer an, die sich in Bewegung setzten. Zwei Doppelhäuser durchbrachen die Umzäunung und wurden schließlich von hohen Wellen davongetragen. Machtlos mussten die Plumps zusehen. In Prisdorf und Pinneberg fanden sich später Reste ihrer Habe an, doch nichts war wiederverwertbar. Johann Otto Plump und sein Bruder Wolfgang kämpften in der stürmischen Nacht der großen Flut darum, die Stöpenlöcher noch rechtzeitig mit den dafür vorgesehenen Holzbohlen zu schließen. Eine große Flutwelle jedoch ließ sie gnadenlos ihre Machtlosigkeit spüren. Mit einer Bohle auf den Schultern wurden beide von den Fluten erfasst.

Die Naturgewalten waren stärker. Da das Firmengelände und auch die Deichstraße noch tagelang unter Wasser standen, konnte Gisela Plump, die mit dem neugeborenen Stammhalter Stefan aus dem Krankenhaus entlassen worden war, nicht nach Hause zurück, sondern suchte mit dem Baby erst einmal Schutz in ihrem Elternhaus in der Alsenstraße, bis sich die Situation entspannt hatte.

Johann Otto Plump wurde mit Beginn des Jahres 1970 Firmenchef. Er sorgte für eine durchgehende Modernisierung des Betriebes und vieler Arbeitsweisen, die auch heute noch Bestand haben. Für die damals revolutionäre Idee, Dachgauben nicht vor Ort, sondern in der eigenen Werkstatt zu fertigen und später mit Hilfe eines Kranes auf das Dach zu montieren, sind die Plumps auch heute noch über die Grenzen des Kreises hinaus bekannt. Diese Bekanntheit verschaffte dem Betrieb auch viele Jahre lang Arbeit in Hagenbecks Tierpark. Zahlreiche Stallungen dort stammen von Firma Plump aus Uetersen. Bei Arbeiten im Straußengehege musste sich der Zimmermann vor den herangaloppierenden großen Vögeln schon mal durch einen beherzten Sprung über den Zaun in Sicherheit bringen.

Neben dem besonderen Humor, der Johann Otto Plump auszeichnet, zieht sich sein Erfindungsreichtum wie ein roter Faden durch sein Leben, in beruflicher wie auch privater Hinsicht. Schon Anfang der 60er Jahre, als es noch so gut wie keine Kräne gab, baute der junge Geselle Johann Otto auf dem hauseigenen Gelände eine Ramme um, machte sie fahrbar, rüstete sie mit einem ausschwenkbaren Richtarm aus und erleichterte so ungemein das Beladen eines LKWs mit fertigen Bauteilen. Oder er dachte sich eine Maschine aus, die in der Werkstatt Arbeitsabläufe straffen und vereinfachen konnte, was wiederum zu Zeit  und Kostenersparnis führte. Was sein privates Engagement betrifft, so weiß jeder Verein oder Veranstalter in der Stadt, der ein bautechnisches Problem hat, wo Rat und Hilfe zu finden sind: bei Meister Plump. Nahezu legendär ist inzwischen seine Schulterklopfmaschine, mit der er schon mehrere Fernsehauftritte hatte. Kein Zweifel, Johann Otto Plump, der auch Vorsitzender des Vereins Historisches Uetersen ist, ist ein Uetersener Original.

Die letzten vier Chefs der Zimmerei Plump

Stadt und Umland Stempel aufgedrückt

Die Zimmerei Plump hat der Stadt und dem Umland ihren Stempel aufgedrückt, mit den Schulen in Seester, Groß Nordende, Hohenhorst und Neuendeich, der Feuerwache am Seeth, dem Krankenhaus, der katholischen Kirche, dem Wohn und Geschäftshaus Röpckes Mühle, den Wohnungen der Neuen Heimat in der Reuterstraße oder auch mit dem Gefängnis in Tornesch und vielen Einfamilienhäusern. Etwa 200 Lehrlinge haben bei den Plumps bisher ihre Ausbildung erhalten. Einige von ihnen haben es später beruflich sehr weit gebracht. Viele Mitarbeiter hielten dem Betrieb jahrzehntelang die Treue, von ihnen seien nur drei mit Namen genannt: Sorgenfrei, Koltzau, Dreier.

In dieser Tradition stehen auch Stefan Plump und Rainer Litschke, die derzeitigen Firmeninhaber. Sie setzen auf Technologien aus dem umweltbewussten Hausbau und nutzen diese Kenntnisse beim Neu  und Umbau von Gebäuden. Sie erweiterten das Leistungsspektrum des Betriebes noch um einige Bereiche, wie z. B. Bedachungsarbeiten, Treppenbau und den Holzrahmenbau einschließlich Bauplanung. 14 Mitarbeiter zählt die Zimmerei Plump heute, darunter drei Auszubildende. Hoch zu Ross, wie seinerzeit Ur-Ur Urgroßvater Peter Plump, kann Stefan Plump nicht mehr von Baustelle zu Baustelle gelangen. Der Radius um die Zimmerei auf den Pinnauwiesen an der Deichstraße ist wesentlich größer geworden. Er reicht bis Glückstadt und bis hinter Hamburg und erfordert oft weite, stundenlange Anfahrtswege.