Sonnabend/Sonntag, 8./9. November 2003  

EIN FLUSS PRÄGT EINE STADT – HERAUSGEGEBEN VOM VEREIN HISTORISCHES UETERSEN TEIL II

Die Pinnau

Von der Klappbrücke bis zur Drehbrücke
 

In Teil 1 berichteten wir darüber, dass die Pinnau vor Jahrhunderten noch Lebensader für zahlreiche Industrien und Familien in Uetersen war, die am Fluss lebten und arbeiteten. Heute dient sie überwiegend der Freizeitgestaltung.

Von Marlen Sönnichsen

Der Gewässername Pinnau und der Ortsname Pinneberg, der im niederdeutschen Sprachbereich als Orts  und Flurname öfter vertreten ist, sind auf das gängige Wort Pinn = "Pflock" oder "Stab" zurückzuführen. Früher dienten nämlich kleine Stauanlagen am Oberlauf des Flusses, an den Nebenflüssen und deren Zuflüssen der Bewässerung und Berieselung der Wiesen in Trockenzeiten. Bereits im Jahre 1130 oder 1140 wurde eine Karte der nördlichen Elbmarsch entworfen. In der Beschreibung hierzu heißt es „Es ist aber zu wissen, dass die Haseldorper Marsch zu Zeiten des Vicelin nicht viel anders denn Insulenn und Pfützen gewesen.“ Bis zum Jahre 1495 wird ein Wasserlauf in der Marsch mit „Haselau“ bezeichnet. Es ist anzunehmen, dass hier die Pinnau gemeint ist.

Der Name des Flusses

Der schmutzigste Fluss Deutschlands

1967 wurde das Pinnau Sperrwerk erbaut. Die Wassermassen der Elbe sind bei Sturmflut jetzt keine Gefahr mehr für die Menschen hinter den Deichen der Au. Zeichnung: Inge Monshausen

Erstmals erscheint der Name „Pinnau“ 1652 auf einer Karte in der „Holsteinischen Landesbeschreibung“ von Dankwerth (1608 1674), und zwar als „Pinneberger Awe (Aue)“. Die „Au“ heißt der Fluss im Volksmund heute noch manchmal. Doch auch andere Bezeichnungen für den Fluss sind überliefert. Aus einem Flutbericht von 1751 geht hervor, „dass der Fluss von den

Anwohnern der Elbe und den Elbfahrern die UetersenAu (Aue to Üterst)“ genannt wird, und in einer Urkunde des Königs Johann von 1495 wurde dieser Wasserlauf „Esche“ genannt. Der Name hängt eventuell mit dem nordwärts von ihrer Mündung liegenden Ortsteil „Im Esch“ zusammen. Auf der „Lorichs'schen Elbkarte“ von 1568 hat die Aumündung die Beischrift „AUETUTTERT“, d.h. Aue t(o) Utterst(en). Den Namen „Uetersener Au“ hat die Pinnau noch lange bei den Marschbewohnern und Elbschiffern geführt, und auch heute hört man die Bezeichnung noch.

Der Name „Pinnau“ hat sich erst langsam, von der Geest her und unzweifelhaft von dem an ihr liegenden Pinneberg durchgesetzt. In der Mitte des 20. Jahrhunderts gab der Volksmund der Pinnau schließlich einen weiteren, „anrüchigen“ Namen, nämlich „Schwarzer Fluss“, schwarz wie dunkle Brühe, wie stinkende Kloake. Bis 1953 hat es im Kreis Pinneberg nämlich kaum wirksame Kläranlagen für Haus und Industrieabwässer gegeben, obwohl sich die Bevölkerungszahl in diesem Gebiet seit 1939 verdoppelt hatte. Das ganze Land Schleswig Holstein war bis dahin ein unterentwickeltes Land in Beziehung auf die Abwasserbeseitigung.

Bis Anfang 1960 gehörten die Elbnebenflüsse, die gleichzeitig Vorfluter sind, nämlich Krückau, Pinnau und Wedeler Au zu den am stärksten verschmutzten Flüssen Deutschlands. Erst ein Generalplan zur Reinhaltung der Elbenebenflüsse im Jahre 1963 brachte grundlegende Veränderung. Sämtliche Abwassereinleitungen in die Flüsse wurden gestoppt und sollten künftig über Rohrleitungen, die in einen großen unterirdischen Abwasserkanal von Kaltenkirchen nach Hetlingen zu einem dort geplanten riesigen Klärwerk mündeten, geführt werden. Bis zur Fertigstellung der ersten Stufe mussten noch einige Jahre lang alle Anstrengungen unternommen werden, die mechanischen Klärwerke der Kommunen zu vervollständigen, und die Industrie sollte noch 1964 bis an die Grenze des Möglichen veranlasst werden, ihre Abwässer unschädlich zu machen.

Zwischenzeitlich hat sich viel getan. Das Klärwerk Hetlingen, das größte Schleswig Holsteins, reinigt täglich rund 90.000 Kubikmeter Abwässer. 420.000 Menschen leben im Einzugsbereich des Klärwerks. Bei Untersuchungen des Landesamtes für Wasserhaushalt und Küsten wurde die Gewässergüte der Pinnau im Abschnitt zwischen Uetersen und Pinneberg als „kaum bis mäßig belastet“ eingestuft. Dies ist im wesentlichen auf den Ausbau des Systems der Abwasserklärung (Anbindung an den Hauptsammler West zur Kläranlage Hetlingen) zurückzuführen. Eine hohe Bedeutung hat in diesem Zusammenhang auch die direkt an den Fluss angrenzende Grünlandwirtschaft, die das Wasser auf natürliche Weise reinigt. Da die Abwasserbeseitigung eine kommunale Aufgabe ist, das Sammlernetz aber nach dem Einzugsgebiet der drei Elbenebenflüsse festgelegt wurde, gründete man 1965 den "Abwasserzweckverband Pinneberg".

Flutkatastrophen

Seit dem Mittelalter liegen Berichte über schwere Flutkatastrophen vor. Zwischen 1424 und 1428 erlitten die Nonnen des Klosters Uetersen, das unmittelbar an einem Flussknie der Pinnau erbaut war, während einer Sturmflut schwerste Verluste an Hab und Gut, da auch die umliegenden Ländereien verwüstet wurden. Zudem zerstörte eine Feuersbrunst das Klostergebäude bis auf den Grund. Die mittellosen Nonnen mussten von Dorf zu Dorf und von Haus zu Haus gehen, um sich das Nötigste zu erbetteln. Am 7. Oktober 1756 kam es zu der stärksten Überschwemmung, an die sich die Menschen damals erinnern konnten. Der Uetersener Pastor Rudolf Grünkorn spricht in einer Rede im Jahre 1911 von einer „großen Wasserflut, die im Oktober 1756 von Seester her an unsere Grenzen herandrängte, der aus unserem Kirchspiel etwa 100 Personen zum Opfer fielen.“ Noch bei Pinnebergerdorf war die Pinnau so sehr über die Ufer getreten, dass sie einen See um den Ort herum bildete: „Das Wasser ging drei bis vier Fuß hoch über die Brücke beim Pinneberger Dorf weg, und im Hause des Vogts Breckwoldt stand es so hoch, dass man mit Kähnen in eine Tür hinein und aus der, anderen wieder herausfahren konnte. Nachdem das Wasser sich wieder verlaufen hatte, fand man in den Bannwiesen und an anderen Stellen eine Menge Mobilien und sonstige Gegenstände, welche aus der Marsch fortgetrieben waren. Diese Flut hat in der Gegend einen unermesslichen Schaden verursacht.“

Teile der Stadt unter Wasser

Später, vom Ende des 19. Jahrhunderts bis etwa zur Mitte des 20. Jahrhunderts, wurde die Pinnau systematisch begradigt, das Fließgewässer ausgebaut und bis Pinneberg schiffbar gemacht, und Eindeichungen verhinderten nun, dass landwirtschaftliche Flächen regelmäßig überschwemmt wurden. Von der letzten großen Sturmflut vom 11. bis 16. Februar 1962 war auch die Stadt Uetersen betroffen. Drei unaufhaltsame Naturgewalten trafen hier unglücklicherweise zusammen: Das periodische Hochwasser konnte bei dem Orkan über der Nordsee nicht ablaufen, und von der anderen Seite her drängten die Flüsse zum Meer. Die schleswig-holsteinischen Flüsse, wie Eider, Stör und Pinnau., die direkt in die Nordsee oder in die Unterelbe fließen, hatten noch keine Sperrwerke. So kam es, dass der Rückstau bis weit ins flache Hinterland spürbar wurde und es auch dort zu Überschwemmungen kam.

Katastrophenalarm in Uetersen! Der Große Sand ist überflutet, Keller und Erdgeschosse vollgelaufen, die alte Meierei (rechts) von jeder Verbindung mit der Außenwelt abgeschnitten.
Foto: Lavorenz

Sperrwerk an der Pinnaumündung

Die Pinnau trat über die Ufer, suchte für die von Nordsee und Elbe hereinströmenden Wassermassen einen Weg in die Stadt. Über den Stichhafen gerieten die Fluten in das Stadtinnere. Am Deichkopf, der an die Moltkestraße stößt, geschah ein weiterer Durchbruch. Moltkestraße, Deichstraße, Teile des Großen Sandes und der gesamte Marktplatz wurden überflutet. Keller und Erdgeschosse standen unter Wasser, die Gasversorgung in der Stadt fiel aus, ebenso Strom und Telefon. Auch die unmittelbar am Pinnaudeich liegenden Betriebe wurden Mitleidenschaft gezogen, wie z.B. das Schaumann-Werk oder die Zimmerei Plump am Klosterdeich. Trotz beträchtlicher Schäden waren Menschenleben glücklicherweise nicht zu beklagen. Uetersen war noch einmal mit einem blauen Auge davongekommen. Nach der schweren Flutkatastrophe wurden die Deichabschnitte von Uetersen bis Moorrege und auch zwischen Appen und Pinneberg erhöht. Das 1967 erbaute Sperrwerk an der Pinnau Mündung soll künftige Überschwemmungen verhindern. Bereits einen Monat nach seiner Einweihung hat es seine Daseinsberechtigung bewiesen, als ein Südweststurm wochenlang erneut Wassermassen aus der Helgoländer Bucht in die Elbe und ihre Nebenflüsse drückte. Das geschlossene Tor hatte dem Blanken Hans das Überschwemmen des Pinnautals verwehrt.

Neue Überschwemmungen infolge von Sturmfluten und heftigen Regenfällen und Überlegungen in Richtung Landschafts- und Naturschutz bewegten die Politiker, wieder über einen Ausbau der Pinnau zwischen Pinneberg und Uetersen nachzudenken. 1987 stellte die Landesregierung 10 Millionen DM für die Sanierung und Renaturierung des Flusses bereit. In der folgenden Zeit wurde kontrovers über Aufstauung, Extensivierungsprogramme, Wiederherstellung des, alten Flussbettes, Verbreiterung, Deichversetzung und sogar über die technische Trennung eines unteren und eines oberen Teils des Flusslaufs diskutiert. Da unter anderem wegen der hohen Kosten keine Einigung erzielt werden konnte, unterblieben zielgerichtete Maßnahmen mit Ausnahme einiger wichtiger Deichreparaturen. Hingegen wurde der Unterlauf der Pinnau bis Pinneberg in Zusammenhang mit dem Unterelbegebiet westlich Hamburgs in die nationale Auswahlliste des geplanten europäischen Netzwerks „Natura 2000“ aufgenommen.

Gewässerpflege

Mit einem umfassenden Programm unter diesem Titel will die EU ein, Netzwerk, knüpfen und damit wildlebende Tiere, Pflanzen und ihre Lebensräume unter besonderen Schutz stellen. Der Boden Wasserverband Pinnau Bilsbek Gronau, dessen zuständige Aufsichtsbehörde die Wasserbehörde des Kreises Pinneberg ist, betreut gegenwärtig nur noch die offenen und verrohrten Fließgewässer. Nach Maßgabe der Gewässerpflegepläne von 1994 wird großenteils eine schonende Gewässerunterhaltung durchgeführt. Die Pinnau zwischen Elbemündung und Eisenbahnbrücke in Pinneberg ist heute Bundeswasserstraße. Die Verwaltung und Unterhaltung obliegt dem Wasser und Schifffahrtsamt Hamburg.

Das Verbandsgebiet des Abwasserzweckverbandes Pinneberg umfasst insgesamt 38 Städte und Gemeinden. 420.000 Menschen leben im Einzugsgebiet des Klärwerks Hetlingen.
Grafik: Abwasserzweckverband Pinneberg