Die Pinnau - Eine Serie vom Verein Historisches Uetersen  
Sonnabend/Sonntag, 6. März 2004  

EIN FLUSS PRÄGT EINE STADT – HERAUSGEGEBEN VOM VEREIN HISTORISCHES UETERSEN TEIL XIX

Die Pinnau

Von der Klappbrücke bis zur Drehbrücke

Zwischen Oberrecht und Bauland pendelte früher eine Fähre

Von Marlen Sönnichsen

Zwischen dem Klosterdeich am Pinnauufer der Seestermüher Marsch und dem gegenü­berliegenden Ufer Bauland der Haseldorfer Marsch pendelte bis Mitte des 20 igsten Jahrhunderts eine Fähre. Zwei Linden wuchsen vor dem Fährhaus an der rechten Flussseite, und eine steile Steintreppe gab es, die vom Haus den Deich hinunterführte zum kopf­steingepflasterten Anlegeplatz.

Fähre am Klosterdeich (Deichstraße)

Der alte Fährkahn von Arthur Claußen, aus Sicherheitsgründen mit Seitengittern versehen, hat ausgedient. Foto: Richard Puck

Zu Fuß aus der Marsch in die Stadt

Erstmals urkundlich erwähnt wurde die Fähre im Jahre 1606. Sie lag hart jenseits des Klostergebietes am Anfang des Neuendeicher Deiches auf ehemals gräflich Schauenburger Gebiet. In den Schauprotokollen der Deichaufsichten aus dem 18.Jahrhundert, die erhalten sind, wird die Fähre regelmäßig genannt. 1756 war Claus Schnoor Fährmann, vor 1734 hatte Al­bert Früchtenicht "eine Fähre über die Klosteraue", und sein Vorgänger war Claus Steenbecker. Durch ihren Pendelverkehr über die Pinnau verband die Fähre das Neuendeicher Ufer mit dem jenseitigen Bauland. Diese Verbindung war in früheren Zeiten ein großer Vorteil für die Bewohner der Marsch, denn der Weg nach Uetersen wurde ihnen dadurch wesentlich verkürzt. Jahrhundertelang ging man zu Fuß, wenn man aus der Marsch zum Flecken bzw. in die Stadt wollte, und später nahm man das Fahrrad. Auch das konnte man noch mit dem kleinen Fährboot befördern.

Ein Groschen für die Überfahrt

In den Uetersener Nachrichten vom 23. Februar 1911 wird folgendes bekannt gegeben: Für die Benutzung der Fähre bei Neuendeich Moorrege ist in Zukunft folgendes Fährgeld zu entrichten:

Für jede Person

a) bei Tage 10 Pfennige

b) bei Nacht 15 Pfennige.

Für ein Motorrad mit einem Führer

a) bei Tage 20 Pfennige,

b) bei Nacht 30 Pfennige.

Bemerkung: Als Nachtzeit gelten die Stunden von 9 Uhr abends bis 4 Uhr morgens. Der Regierungspräsident. "

Arthur Claußen, auch " Selter Claußen" genannt, betrieb als letzter Fährmann den Pendelverkehr über die Pinnau. Den Namen "Selter Claußen" trug er deshalb, weil er bis 1930 Mineralwasserfabrikant in der Seminarstraße 15 gewesen war. Danach übernahm er das Amt des Gastwirts und Fährmanns am Pinnaudeich. Konnte er bis zur Flussmitte schräg zur Strömung fahren, so musste er in der zweiten Hälfte durch geschicktes Rudern den jenseitigen Anlegeplatz ansteuern. Bei ablaufendem Wasser bewegte er das Boot durch Staken vorwärts, bei Flut musste er wriggen. Im Sommer kam es manchmal auch vor, dass badende Kinder lachend ein Stück neben dem Boot her schwammen.

Zu Gast bei „ Selter Claußen“

Idylle am Fährhaus von "Selter Claußen", gemalt vom Uetersener Heimatmaler Kurt Meyer. Auf der Deichterrasse unter den Linden machte so mancher Ausflügler gerne Rast.
Foto: Sönnichsen

Claußens Gasthaus "Zur Fähre" war ein beliebter Rastplatz während einer sonntäglichen Wanderung von Uetersen in die Haseldorfer Marsch. Hier konnte man auf der Deichterrasse unter den Linden sitzen, einen kühlen Trunk genießen und den Blick weit über das Marschenland schweifen lassen, vor sich die ruhig dahinfließende Au. In der Ferne grüßte die Turmspitze der Haselauer Kirche. Man ließ sich übersetzen und wanderte dann weiter über Moorrege, an Schloss Düneck vorbei, über die Hohe Brücke zurück nach Uetersen.

Unten am Deichfuß befand sich der schmale, mit Kopfsteinen gepflasterte Anlegeplatz, der bei Ebbe und feuchter Witterung gefährlich rutschig war. Am Pfahl angebunden trieb das Boot in der Strömung. Bei Ebbe steckte es im Schlick, denn die Fähre war tideabhängig. Am Glockenpfahl hing frei schwebend die Fährglocke. Wer übergesetzt werden wollte, zog am Glockenstrang. Dies war das Signal für den Fährmann. Er kam aus seinem Haus und fuhr die Fahrgäste über den Fluss, der an dieser Stelle ungefähr 80 Meter breit war.

Am Tag war die Arbeit des Übersetzens für den Fährmann kein Problem. Aber es kam auch vor, dass er im Notfall nachts herausgerufen wurde, etwa, wenn jemand einen Arzt aus der Stadt holen musste. Die Glocke am Pfahl wurde dann besonders heftig gezogen, und es klang durch die nächtliche Stille: "Hol öber!", "Hol öber!". Es dauerte seine Zeit, bis der Fährmann aus dem Bett geläutet war und bis der Rufende in der Dunkelheit die schwankende Laterne in der Hand des Fährmanns erblickte, der die Stufen am Deich hinunterstieg. Die Kette klirrte, das Boot wurde losgemacht und der Fährmann kam herübergerudert.

Für den ungewohnten Fahrgast war das Übersetzen oftmals eine Angstpartie. Denn das niedrige Boot besaß keine Sitzgelegenheit. Wer nicht den Halt auf den schwankenden Brettern verlieren wollte, setzte sich auf den Bootsrand, und ganz Unsichere hockten sich auf den Schiffsboden.

Die Uetersener Schriftstellerin Gudrun Münster hat eine solche Überfahrt einmal beschrieben.

Darin heißt es u.a.: „In ein paar Minuten hat der Fährmann uns übergesetzt. Das Boot stößt ans andere Ufer. Der Fährmann steigt als erster aus, hält das Boot fest und hilft auch uns, herauszukommen. Wir zählen ihm den Fährlohn in die Hand, und als wir den Deich hinaufgehen, stößt er schon wieder ab. Dunkle Gestalt auf dem dunklen Wasser. Vielleicht war es seine letzte Fahrt vor dem Winter. Im Eis fährt keine Fähre nach drüben."

War der Fährmann einmal nicht zu Hause, musste die Ehefrau das Fährgeschäft übernehmen. Da sie nicht wriggen konnte, benutzte sie die Kette, die quer zum Fluss auf dem Grund lag, deren Enden sich an den Befestigungspfählen des jeweils anderen Ufers befanden. Diese hatten einen Ringbeschlag, an dem ein Auge angeschweißt war. Hier war das Kettenende eingehakt. Die Fährfrau musste das eine Ende der Kette lösen und diese dann durch die am Boot befindliche Ringöse ziehen. Das Ende der Kette musste dann wieder am Pfahl eingehakt werden. Danach begab sie sich unter aller Vorsicht wieder hinein ins Boot und zog es mühsam mit Hilfe der Kette zum anderen Ufer. War jedoch abzusehen, dass starke Strömungen oder heftige Winde die Kräfte der alten Frau überforderten, kamen auf ein vereinbartes Läuten der Fährglocke die Nachbarskinder herbeigelaufen und halfen ihr, den Kahn sicher an das andere Ufer zu bringen.

Fährhaus heute Oberrecht Nr. 3

Im Jahre 1954 wurde der Fährbetrieb eingestellt, der letzte Fährmann trat ab, die Fähren über die Pinnau in Uetersen und Neuendeich waren Geschichte. Das ehemalige Fährhaus steht heute noch und hat jetzt die Bezeichnung Oberrecht Nr. 3. Bei Niedrigwasser sind die gepflasterten Anlegestellen der Fähre, besonders auf der Moorreger Seite, noch sichtbar.

 


Am Pinnauufer liegt der kleine Fährkahn im Schlick. Die Fahrgäste balancierten auf den oft gefährlich rutschigen Steinen (rechts), um ins Boot zu gelangen. Der hölzerne Ponton und die Treppe sind erst später gebaut worden. Foto: privat
So sieht es heute aus: am rechten Bildrand das Haus Oberrecht Nr. 3. Die Linden sind verschwunden, die Fährverbindung zum gegenüberliegenden Bauland (Haus am linken Bildrand) gibt es nicht mehr. Foto: Sönnichsen