Die Pinnau - Eine Serie vom Verein Historisches Uetersen  
Sonnabend/Sonntag, 28. Februar 2004  

EIN FLUSS PRÄGT EINE STADT – HERAUSGEGEBEN VOM VEREIN HISTORISCHES UETERSEN TEIL XVIII

Die Pinnau

Von der Klappbrücke bis zur Drehbrücke

Das lang gestreckte weiße Gebäude an der Deichstraße 39 war früher eine Getreidemühle.

Von Marlen Sönnichsen

Schinckels Mühle in der Deichstraße 39, mit Blick auf die Pinnau und die Haseldorfer Marsch, wird heute zu Wohnungen um­gebaut. Foto: Sönnichsen

Im Adressbuch für Schleswig-Holstein, Jahrgang 1845, findet sich unter der Rubrik Uetersen der Eintrag Timm, D.&C. Zuckerfabr., Getraidehdl., Kirchenstr.". Die Fabrikgebäude der Firm­a Timm befanden sich am rechten Ufer der Pinnau am Klosterdeich (heute Deichstraße 39) Da  vor noch soll an dieser Stelle eine Muschel-kalkbrennerei gewesen sein. Um 1900 war hier die Fassreifenfabrik der Firma J.H.Bötel aus Hamburg ansässig, wo Bandreißerfamilien, Män­ner, Frauen und Kinder aus Korbweiden nach vielen Ar­beitsgängen runde Fassreifen fertigten.

Schinkel oder Schinckel ?

1987 wurden die Förderanlagen am Pinnauufer vor Schinckels Mühle abgebaut. Im Vordergrund Zimmerermeister Johann Otto Plump. Foto: privat

Die gebündelten Fassreifen wurden hoch aufgetürmt mit Rollwagen zum Buttermarkt ge­bracht, wo sie auf Waggons der Uetersener Ei­senbahn verladen wurden zum Weitertransport. Seit dem Jahre 1901 ist der prägnante Gebäudekomplex. auf dem Deich zwischen Pinnau und Deich­straße mit dem Namen der Fa­milie Schinckel verknüpft und

Zuckerraffinerie Timm

Getreide-Mühle Schinckel

blieb dies drei Generationen lang. Der Nachname "Schinckel" schrieb sich früher übrigens nur mit "k". Die 84jährige Gertrud Schinckel aus der Meßtorffstraße, Schwester des letzten Müllermeisters Helmut Schinckel, erinnert sich an einen Besuch im Standesamt der Stadt. Dort nahm sie Einblick in ein Geburtenbuch und erfuhr, dass irgendwann einmal jemand mit sorgfältiger Handschrift ein 'V' vor das "k" gemalt hatte, und seitdem heißt die Familie offiziell " Schinckel ". Ob dies einfach nur ein Schreibfehler eines Standesbeamten gewesen ist   was früher ab und zu vorkam   oder auf Antrag eines Familienmitgliedes geschehen ist, ist heute nicht festzustellen.

Ein Bäcker wurde Müllermeister

Franz Wilhelm Schinckel, Großvater von Gertrud und Helmut Schinckel, war Bäcker und Konditor von Beruf. Ihm gehörte das Gebäude des später stadtbekannten Cafe von Stamm in der Meßtorffstraße 1, das vor einigen Jahren abbrannte. Im Jahre 1901 erwarb er dann die Liegenschaft mit dem hohen Ziegelschornstein in der Deichstraße 39 und richtete hier eine Dampfmühle ein. Der Uetersener Chronist H.F.Bubbe berichtete 1933: "Am Deich ist eine Dampfmühle (Schinckel), die Streumehl verfertigt. Sie hat 2 Mehlgänge und eine Schleuder zum Zerschlagen der Steinnüsse." Streumehl (auch Streugrieß genannt) war kein Feinmehl zum Backen, sondern es wurde aus Haferspelzen klein gemahlen und an Bäckereien weiterverkauft. Die Bäcker streuten es unter die Brotlaibe, damit diese beim Backen nicht am Ofenboden, an Blech oder Form festklebten.

Reger Schiffsverkehr an Schinckels Anleger

Franz Wilhelm (Willi) Schinckel, Bäcker und Konditor in der Meßtorffstraße und ab 1901 Eigentümer der Dampfmühle in der Deichstraße. Foto: Ferd. Lavorenz

Neben Streumehl produzierte die Mühle später auch Futtermittel. Alles wurde in Jutesäcke abgefüllt und so verkauft. Bauern kamen mit Pferdefuhrwerken, um das Futter abzuholen, oder am hauseigenen Kai wurden die Säcke per Ewer auf der Pinnau verschifft.

Die Kaianlagen wurden noch bis in die 70 iger Jahre des 20igsten Jahrhunderts auch von anderen Schiffen benutzt, die nicht der Mühle wegen kamen, sondern hier Ladungen für andere Auftraggeber löschten oder bei Niedrigwasser festmachten, um die Flut abzuwarten.

1930 übersiedelte Franz Wilhelm Schinckels Sohn Johannes Adolf mit seiner Familie in die Mühle und wurde dessen Nachfolger. Wir erinnern uns, dass dieser die Ziegelei am Stichhafen betrieben hatte, die 1925 bei dem schweren Orkan, der über die Stadt hinwegfegte, zerstört wurde und nach dem Wiederaufbau unter dem Namen "Uetersener Dampfziegelei J.P.Baas Nachfolger" firmierte.

Der Alltag der Familie Schinckel war geprägt vom strengen Regiment des Ehemannes und Vaters und von schwerer körperlicher Arbeit. Eine eigene Schmiede gab es in der Mühle, und bis zum 2. Weltkrieg wurden die Mahlsteine noch mit Dampf angetrieben. Danach wurde auf Strom umgestellt. Der weithin sichtbare, hohe Schornstein hatte ausgedient und wurde später abgebrochen. Helmut Schinckel, der schon viele Jahre lang unter der Regie des Vaters Johann Adolf in der Mühle tätig gewesen war, führte diese nach dessen Tod allein wei­ter. Wandel und Konzentrationen in der Landwirtschaft und in der Folge auch im Mühlen- und Futtermittelgewerbe führten landes  und bundesweit dazu, dass kleinere Mühlen sich gegen größere Einheiten nicht mehr behaupten konnten. In Schinckels Mühle in der Deichstraße wurden die Mahlsteine für immer angehalten.

Die Förder  und Krananlagen an der Pinnau wurden 1987 abgebaut und abgewrackt. Die Lagerhalle auf der gegenüberliegenden Straßenseite übernahm die Landhandelsfirma Trede & von Pein, und das Mühlengebäude gehört heute einem Ingenieur aus Tornesch, der es zu Wohnungen umbaut.

Auf dem Grundstück Deichstraße 39, dem späteren Mühlengebäude, befand sich um die Wende des 19./20. Jahrhunderts die Fassreifen Fabrik von 1.H.Bötel aus Hamburg. Für den Fotografen hat man sich damals vor dem Fabrikgebäude mit allem Werkzeug und Gerät aufgebaut, um zu zeigen, wie aus den Korbweiden nach vielen Arbeitsgängen runde Fassreifen entstehen. Foto: Schweim