Die Pinnau - Eine Serie vom Verein Historisches Uetersen  
Sonnabend/Sonntag, 21. Februar 2004  

EIN FLUSS PRÄGT EINE STADT – HERAUSGEGEBEN VOM VEREIN HISTORISCHES UETERSEN TEIL XVII

Die Pinnau

Von der Klappbrücke bis zur Drehbrücke

Ludwig Meyn wandelte die Sägemühle am Klosterdeich in eine Kunstdüngerfabrik um.

Von Marlen Sönnichsen

Mit der Fabrik für Kunstdünger in Uetersen am rechten Pinnauufer begründete er einen neuen, bahnbrechenden Industriezweig in Norddeutschland. Durch seine Fabrik wollte er den Ideen Liebigs, die er seine Studenten gelehrt hatte, in der landwirtschaftlichen Praxis seiner Heimat Eingang verschaffen.Vor allem wirkte er auf die Nutzung des von ihm produzierten Knochenmehls hin, eines organischen Düngers, der Stickstoff, Kalk und besonders reichlich Phosphorsäure enthielt Stoffe, die seit damals und bis heute Grundlage des konventionellen Landbaus waren und geblieben sind.

Bild aus dem Jahre 1954: So baute man vor 50 Jahren ein Bürohaus auf dem Schaumann Gelände. Foto: privat

Sägemühle, Kunstdünger & Fischmehl

Die Bilanzen der bald bekannt gewordenen Fabrik müssen gut gewesen sein, denn ihr Besitzer suchte mit dem Gewinn alte Vorstellungen zu verwirklichen: die Nutzbarmachung heimischer Bodenschätze. 1864 verband er mit seinen bisherigen Geschäften eine Zementfabrikation, 1866 eine Torfdestillation im südlichen Jütland, um Paraffin herzustellen. Seit 1873 gehörte ihm auch eine kleine Petroleumraffinerie und eine Fabrik für Maschinenöl in Baßhorn. Auf Sylt ließ er zeitweilig nach Braunkohle schürfen. In Heide baute er eine Ölfabrik auf, die die ölhaltige Kreide, die bei Heide lagert, als Rohstoff ausnutzte. In Dithmarschen ließ er nach Petroleum bohren und war damit wohl der erste Mensch, der in der Neuzeit bewusst Bohrungen auf Erdöl betrieb.

Viele Besitzerwechsel nach Ludwig Meyn

Daneben betätigte er sich als eifriger Mitarbeiter der "Itzehoer Nachrichten", und eine lange Reihe wissenschaftlicher Arbeiten zeugt von seinem reichen Wissen, das er an seine Leser und seinen Anhängerkreis weitergab. Am 4. November 1878 erlag er, 58  jährig, einem Schlaganfall, nachdem er noch in Hamburg Verhandlungen über eine neue industrielle Gründung geführt hatte. An den großen Sohn der Stadt Uetersen erinnert nur Weniges. Das Gymnasium in der Seminarstraße trägt seinen Namen, und wer auf dem alten Friedhof (heute Cäcilie Bleeker Park) spazieren geht, entdeckt vielleicht den großen Findling, der seine Grabstätte markierte.

Nach Ludwig Meyn wechselte die Fabrik viele Male und oft nur über kurze Zeiträume den Eigentümer und die Art der Produktion. 1880 wurden Eduard Meyn und Bruno Kruckenberg mit der Firma "Gemischte Produktion und Sägephosphatfabrik" Eigentümer, und blieben dies bis zum 30.7.1884. 1900 waren Johann Peter Baas & Col. neue Besitzer und nannten ihren Betrieb "Chemische Produkten  und Superphosphatfabrik", und am 16.4.1907 melden die Uetersener Nachrichten, dass M. Röpcke von J.P.Baas die Düngerfabrik in Neuendeich gekauft hat mit dem Ziel, dort eine Dampfmühle zu errichten. 1910 schließlich richtete Dr. Friedrich Hofmann hier eine Fabrik für Öle und Fette ein und betrieb diese bis 1943   sehr zum Leidwesen der Anwohner und der Stadt Ueter sen, wie das Uetersener Tageblatt am 27. Januar 1912 berichtete:

"Über penetrante Gerüche in unserer Stadt, besonders im oberen Stadtteil , wird in letzter Zeit häufig geklagt. Die Gerüche, die aus der am Klosterdeich liegenden Fischmehlfabrik (früher Düngerfabrik) stammen, machen sich hier besonders bei Südwestwinden geltend. Vor einiger Zeit fuhren regelmäßig die mit Fisch beladenen Wagen durch die Straßen. Hiergegen hatte sofort die hiesige Polizeiverwaltung Front gemacht, so daß die Fischmehlfabrik jetzt ihre Fische auf dem Wasserweg beziehen will. Wir sprechen im Sinne vieler Einwohner unserer Stadt, wenn wir die Behörde bitten, gegen diese Verpestung der Luft mit allen ihr zu Gebote stehenden Mitteln einzuschreiten, denn dieses ist notwendig im öffentlichen und hygienischen Interesse. Trotzdem die Fischmehlfabrik auf Neuendeicher Gebiet liegt, versprechen wir uns von einem energischen Vorgehen der maßgebenden Behörde recht viel."

Nach Hofmann übernahm 1943 H. Wilhelm Schaumann das "Extraktionswerk für Tierernährung" und musste hier im Auftrage der Reichsstelle in Uetersen Trockenvoll Ei für die Kriegsmarine herstellen. Am 16.12.1946 war auch damit Schluss, und der Betrieb wurde stillgelegt. Doch 1947 erfolgte der Neuanfang mit dein Extraktionswerk für Tierernährung . Zunächst stellte Schaumann aus vakuumgetrockneten Dorschlebern die ersten handelsfähigen Ergänzungsfuttermittel, speziell für die Schweinemast, her. Neu in die Produktion eingeführt wurden dann teilentfettete Dorschlebern, die unter dem noch heute bekannten Namen "Phosphoral" vertrieben wurden. 1962 kaufte H. Wilhelm Schaumann, inzwischen größter europäischer Futterphosphatverarbeiter, die Hamburger Fettsäureproduktionsfirma SCHMIDT & HAGEN, verlagerte deren Produktion nach Uetersen und die Futtermittelproduktion nach Hamburg. Unter dem neuen Namen wurden jährlich ca. 40.000 to tierische und pflanzliche Fette zu 20 verschiedenen Futterzusatzmitteln mit dem Markennamen "ESHA" verarbeitet.

Die Zimmerei Plump belädt im Jahre 1961 einen Ewer mit Holz, das für den Bauernhof auf der Elbinsel Pagensand benötigt wird. Im Hintergrund, am damals noch engen Pinnauknie, die Gebäude der Firm Schaumann, rechts hinter dem Baum die Anlage zur Verwertung von Schlachtabfällen. Foto: privat

Aus Schlachtereien in ganz Schleswig Holstein und Niedersachsen brachten Lastkraftwagen täglich Abfälle, Knochen, Speck und Talg von toten Tieren zur Schaumann Fabrik am Klosterdeich, wo sie weiterverarbeitet und verwertet wurden. Für die unmittelbaren Nachbarn bedeutete dies nicht nur eine oft unerträgliche Geruchsbelästigung, sondern die Verwertungsanlage auf dem Betriebsgelände an der Pinnau zog auch Ungeziefer magisch an, und dieses vermehrte sich dort   wie die Fett sprichwörtliche Made im Speck. Fahrer von Lkws, die vollbeladen mit Schlachtabfällen auf den Hof fuhren, hatten es sich zur Gewohnheit gemacht, ein paarmal laut zu hupen, bevor sie anhielten   und Hunderte von Ratten stoben auseinander.

Ein Großfeuer am 11. Juni 1964 richtete rund 2 Millionen DM Schaden an. In der Metallseifenabteilung, in der Hilfsmittel für die Chemische Industrie produziert wurden, war das Feuer ausgebrochen und hatte auf andere Gebäudeteile übergegriffen. Die Löscharbeiten gestalteten sich durch explodierende Fässer und Ätherflaschen als sehr schwierig. Mehrere Tage musste die Feuerwehr vor Ort bleiben, weil immer wieder Flammen aufloderten. Die Metallseifenproduktion wurde nach dem Brand wieder aufgebaut, aber 1978/79 wegen Unrentabilität eingestellt, und die Produktionsanlagen wurden verkauft.

Im Jahre 1980 verkaufte Schaumann die "Chemische Fabrik Schmidt & Hagen" an die Henkel Gruppe, Düsseldorf, die größte fettverarbeitende Firma Europas. Ob in Uetersen überhaupt weiterproduziert werden würde, war völlig offen, als die Henkel Gruppe das überwiegend veraltete Werk am Pinnaudeich übernahm. Die damaligen Mitarbeiter schieden aus dem Unternehmen aus, und eine neue Besetzung mit neuem Management trat an. Es waren große Anstrengungen erforderlich, um den Betrieb auf Vordermann zu bringen. Es wurden weiter unter dem Namen ESHA sowohl Futterfette als auch destillierte Fettsäuren produziert.

Ende der 80 iger Jahre wurde eine neue Produktionsanlage für die Herstellung von Natriumseife für die Reinigung von Altpapier (de inking) sowie von LIPICAFETT (pansengeschütztem Fett für Wiederkäuer) installiert. Im Schichtbetrieb sorgten Mitarbeiter von Schmidt & Hagen nun dafür, dass dem Futter von Schweinen, Rindern, Legehennen, Masthähnchen, Hunden und Katzen Erzeugnisse des Betriebes an der Deichstraße beigemischt werden konnten. Mit großen Lastzügen wurden die flüssigen Futterfette aus Uetersen weit über die deut­schen Grenzen hinaus transportiert: nach Skandinavien, in die Benelux Staaten, in den Nahen Osten, nach Israel und nach Saudi Arabien.

Mit dem weltweiten Handel von Roh , Halb , und Fertigprodukten auch fremder Unternehmen befasste sich die Handelsabteilung von Schmidt & Hagen. Von Farbpigmenten bis zur Fotogelatine reichte die Palette der Waren, mit denen bis in die USA und nach Japan gehandelt wurde. Von 1981 bis 1984 investierte die Firma rund fünf Millionen Mark für Umweltschutzmaßnahmen und den Bau von 5 Tankanlagen am Pinnauufer, die insgesamt 1.5 00 Tonnen fassen.

Zur Einweihungsfeier dieser Tanks gab es als Geschenk drei Schafe. Seitdem grasen Wolllieferanten auf dem Gelände der Firma. Gereinigt und von Gerüchen befreit wurden jährlich 40.000 to tierischer und pflanzlicher Fette aus aller Welt. Die Belegschaft umfasste 32 Mitarbeiter.

Am 6. September 1992 starb H. Wilhelm Schaumann im 89. Lebensjahr. Er war Ehrensenator der Veterinärmedizinischen Universität Wien und Ehrenbürger der Christian Albrecht Universität Kiel. Er hat 54 Jahre seinem Unternehmen vorgestanden. Seine UNION AGRICOLE HOLDING AG umfasste 12 Firmen in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Er gründete die H. Wilhelm Schaumann Stiftung zur Förderung der Tier  und Agrarwissenschaften und Unterstützung karitativer Einrichtungen.

Pinnauknie entschärft und begradigt

1993 trennte sich die Firma Henkel wieder von "Futterfette Schmidt & Hagen" und verkaufte die Firma an die bisherigen zwei Geschäftsführer Harles und Jentzsch. Die Produktion von destillierten Fettsäuren wurde noch Ende 1993 eingestellt. Fette für die Tierernährung sowie Seifen für die umweltfreundliche Altpapierreinigung wurden weiter produziert. Die neue Firma heißt nun Harles und Jentzsch GmbH. 1999 wurde im Labor der Firma die "Dr.Andrä Rieks   Labor für Enzymtechnologie GmbH" gegründet.

Heute, im Jahre 2003, gibt es auf dem ehemaligen Gelände der Kedenburgschen Sägemühle die folgenden Firmen: „Fettveredelung Harles und Jentzsch", "Protank Produktion und Tanklager Harles und Jetzsch GmbH", "Labor für Enzymtechnologie Dr. Andrä Rieks GmbH" und "Eisen Frank, Bruhnsen Metallbau GmbH".

Lebensader für die Fischmehlfabrik und für alle ihr nachfolgenden Firmen blieb und ist auch heute die Pinnau mit ihrem Hafen , dem Klosterhafen, unmittelbar vor den Gebäuden der Fabrik. Der Fluss verlief vor 1890 an dieser Stelle noch rechtwinklig. Nach einer ersten Regulierung im Jahre 1890 wurde das Pinnauknie 1968/69 weiter entschärft und der Lauf des Flusses bis Schinkels Mühle in sanftem Bogen korrigiert und begradigt.

Der abgetrennte "tote Arm" der Pinnau wurde zum Sportboot Hafen umgenutzt. In den Uetersener Nachrichten vom 28. August 1968 ist darüber nachzulesen: " Überall bemüht man sich, die Landstraßen den Erfordernissen des Verkehrs entsprechend anzupassen, obgleich man sich vielfach nur mit Flickwerk begnügen muß.

Ein Großfeuer am 11. Juni 1964 richtete in der Schaumann Fabrik rund zwei Millionen Mark Schaden an. Die Löscharbeiten wurden durch explodierende Fässer und Äther-flaschen erheblich erschwert. Die Freiwillige Feuerwehr Uetersen musste mehrere Tage vor Ort bleiben, weil immer wieder Flammen aufloderten.
Foto: Archiv Freiwillige Feuerwehr Uetersen

Aber auch die für unser Wirtschaftsleben so wichtige Pinnau Wasserstraße, die monatlich von rund 120 See  und Binnenschiffen befahren wird, muß einen reibungslosen Verkehr gewährleisten. Dies war seit Jahren infolge der Krümmung des Flußlaufes in Höhe der Deichstraße nicht der Fall. In dem gekrümmten Wasserlauf kommt es immer wieder im Begegnungsverkehr zu schwierigen und zeitraubenden Ausweichmanövern. Vor fünf Wochen hat eine Hamburger Spezialfirma im Auftrage des Wasser  und Schifffahrtsamtes Glückstadt mit der Begradigung des Flußlaufes in Höhe der Deichstraße begonnen. Im Frühjahr 1969 hofft man, mit den Arbeiten fertig zu sein. Zur Befestigung der Uferböschung werden Pfähle in die Erde gerammt.

Der Flußlauf wird auf etwa 500 Metern begradigt. Rund 40.000 Kubikmeter Erde muß bewegt werden. Das Flußbett wird 10 Meter breit. Die Sohle in der Mitte liegt zwei Meter unter NN. Im gekrümmten Arm mit Zulauf zur Pinnau wollen Uetersens Wassersportler später einmal einen Yachthafen ausbauen. Das dies geschehen ist, darüber haben wir in Teil X bereits berichtet.