Die Pinnau - Eine Serie vom Verein Historisches Uetersen  
Sonnabend/Sonntag, 14. Februar 2004  

EIN FLUSS PRÄGT EINE STADT – HERAUSGEGEBEN VOM VEREIN HISTORISCHES UETERSEN TEIL XVI

Die Pinnau

Von der Klappbrücke bis zur Drehbrücke

Uetersens Wohltäterin Cäcilie Bleeker, geborene Kedenburg, war die Tochter des Sägemüllers am Koppelberg.

Von Marlen Sönnichsen

Im 18. Jahrhundert entstand in Uetersen eine Holzindustrie von geringem Umfang. Unter dem 11. März 1764 ist Johann Peter Kedenburg zu Uetersen ein "Privilegium zur Anbringung einer Sägemühle auf dem Koppelberg in der Amtsvogtei Uetersen" erteilt worden. Hier, auf dem Koppelberg, soll im 13. Jahrhundert die zweite Uetersener Burg gestanden haben.

Mit je vier Betten in drei Zimmern begann die Geschichte des "Bleeker  Stifts", des heutigen Kreiskrankenhauses Uetersen. Foto: Archiv Historisches Uetersen

 

 

 


Sägemühle,Kunstdünger &Fischmehl

Der Koppelberg, an der Pinnau (heute Deichstraße) gelegen, gehörte damals zum Gemeindegebiet Neuendeich und ist erst im 20. Jahrhundert während der Amtszeit (19181930) des Uetersener Bürgermeisters Jacob Christians im Rahmen eines Landtausches zu Uetersen . gekommen. Johann Peter Kedenburg erhielt 10 "Freyjahre" (Steuerfreiheit), musste aber die Gebühren für Grund und Boden bezahlen. Im Februar 1778 erhielt Peter Kedenburg eine Zollkonzession, um Veredelungswirtschaft betreiben zu können. Sie erstreckte sich auf Zollfreiheit für Ein- und Ausfuhr fremder Hölzer, die in der Sägemühle verarbeitet wurden. Aus dem Pinnau Fleth vor der Sägemühle entnahm damals eine Brauerei ihr Wasser. Der Brauereibesitzer hieß Matthias Schinckel.

Königliche Erlaubnis zur "Hauscopulation“

Die am 20. Juni 1798 geborene Tochter Cäcilie des Jacob Kedenburg von der Sägemühle heiratete am 12.April 1818 den aus Jever/Ostfriesland stammenden, nicht unvermögenden, 10 Jahre älteren Kaufmann und Papiermacher Anton Georg Bleeker. Damit die Ehe geschlossen werden konnte, war eine "königliche Erlaubnis zur Hauscopulation" aus Kopenhagen erforder­lich und ein schriftlicher "elter­licher Consens", denn die junge Frau war noch nicht ganz 20 Jahre alt. Die frisch vermählten Eheleute gründeten auf dem Kedenburgischen Grundbesitz und mit dem Bleekerschen Kapital die Firma Kedenburg & Bleeker, die sich fortan neben der Sägemühle auch mit der Herstellung von Packpapier und der Kalkbrennerei aus Muscheln befasste. Die Firma florierte, und das Vermögen des Ehepaares wuchs beträchtlich.

Uetersens erste Ehrenbürgerin, Cäcilie Bleeker, geb. Kedenburg, war eine wohltätige Frau. Sie starb 1888 im Alter von 90 Jahren.
Foto: Archiv Historisches Uetersen

Anton Georg Bleeker hatte Zeit seines Lebens gekränkelt, und die Ehe blieb kinderlos. Als Unternehmer war ihm auch die schlechte ärztliche Versorgung des größten Teiles der Uetersener Einwohnerschaft bekannt. Die "kleinen Leute" konnten sich keinen Arzt leisten, und eine Krankenanstalt gab es nicht. Dabei traten gerade um die Mitte des 19. Jahrhunderts Blattern sowie Typhus und Pockenerkrankungen seuchenartig auf.

Bleeker Stiftung für Krankenhausbau

Mit dem Vetter seiner Frau, dem Arzt Dr. Jacob Lange, hatte Bleeker sich oft darüber ausgesprochen. Dabei musste der Plan einer sozialen Stiftung mit dem Ziel eines Krankenhauses gereift sein. Die Eheleute entschlossen sich, eine Stiftung zu gründen, die "Bleeker Stiftung", in die sie im Verlauf der folgenden Jahre Teile ihres nicht unbeträchtlichen Vermögens einbezahlten. Sie verfügten testamentarisch, dass dieser Teil ihres Vermögens zweckgebunden für den Bau von Krankenanstalten in Uetersen und Jever zu verwenden sei.

Ludwig Meyn (1820 1878) begründete am Klosterdeich mit seiner Fabrik für Kunstdünger einen bahnbrechenden Industriezweig mit zukunftsweisenden Folgen für eine moderne Landwirtschaft. Es ist sein Verdienst, dass nun Kunstdünger eingesetzt werden konnte und größere Erträge auf den Feldern brachte. Foto: Archiv Historisches Uetersen

Anton Georg Bleeker verstarb am 14. Dezember 1865 und wurde auf dem alten Uetersener Friedhof begraben. Knapp ein Jahrzehnt später wurde in unmittelbarer Nähe seiner letzten Ruhestätte das erste Uetersener Krankenhaus, das "Bleeker Stift", in Betrieb genommen. Nach seinem Tode verkaufte die Witwe nämlich das Betriebsgelände an der Pinnau in Neuendeich an den Agrarwissenschaftler Dr. Ludwig Meyn, der es zu einer Kunstdüngerfabrik umwandelte.

"De niemodische Anstalt" wurde abgelehnt

Cäcilie Bleeker widmete sich fortan an nur noch dem Vermächtnis ihres Mannes. Aufgrund ihres fortgeschrittenen Alters bat sie Freunde um Mithilfe bei der Durchführung der Krankenhaus Pläne, und ihre Bitte blieb nicht ungehört. Nicht nur Bürgermeister Meßtorff stand ihr mit Rat und Tat zur Seite, sondern auch Dr. Jacob Lange, Dr. Ludwig Meyn, Michael Lienau von Schloss Düneck, Pastor Grünkorn und die Frau des Kirchenpropsten Bröker, eine Schwester des Feldmarschalls Hellmuth Graf von Moltke.Teilweise brachten diese auch zusätzliche Finanzmittel in den Krankenhausbau mit ein.

Die Uetersener wehrten sich zunächst gegen die "niemodsehe Anstalt". Unnötige Kosten würden entstehen, und zuhause würden die Kranken auch gesund gepflegt. Dr. Ludwig Meyn versuchte in mehreren Zeitungsartikeln, die Kleinkrämerseelen zu beruhigen. Aber diejenigen, die es wirklich anging, nämlich die sozial Schwachen, konnten sich zu der Zeit ein "Blatt" gar nicht leisten und lasen deshalb diese Artikel nicht.

Nach zweijähriger Bauzeit wurde das Krankenhaus 1874 seiner Bestimmung übergeben.

Festangestellte Ärzte gab es nicht. Leiterin des Krankenhauses war Oberschwester Brodersen, die auch im Haus wohnte. Die ärztliche Betreuung hatte der am Buttermarkt praktizierende Arzt Dr. Bernhard Ramm übernommen. Im 1. Weltkrieg war dann das Krankenhaus erstmals überbelegt. Es wurde mehrmals baulich erweitert und modernisiert.

Heute ist es mit seinen 120 Betten und einem Personalbestand von 220 Fachkräften im Verbund mit den drei anderen Kreiskrankenhäusern in Elmshorn, Pinneberg und Wedel unentbehrlich geworden.

Cäcilie Bleeker war eine reiche Witwe, aber ebenso wohltätig und hilfsbereit, und die Stadt Uetersen wusste dies zu würdigen. Zu ihrem Geburtstag am 20. Juni 1879 wurde sie von der Stadtvertretung zur ersten Ehrenbürgerin Uetersens ernannt:" Die Frau Cäcilie Bleeker geb. Kedenburg in Uetersen, Marktstr. Nr. 15, ist durch Beschluss des Stadtkollegiums vom heutigen Tage, in dankbarer Anerkennung ihrer hohen Verdienste um das Wohl der Stadtgemeinde, welches sie durch gemeinnützige Stiftungen und große private Wohltätigkeit auf das Segensreichste gefördert hat, als Ehrenbürgerin der Stadt Uetersen in die Bürgerrolle eingetragen", heißt es in der Urkunde.

Als Uetersens Ehrenbürgerin, fast neunzigjährig, gestorben war und auf dem nahe gelegenen Friedhof begraben wurde, war die ganze Stadt auf den Beinen. Weder vor noch nach ihr ist in Uetersen eine Frau so verehrt worden wie die kleine, energiegeladene Sägemüllers Tochter vorn Koppelberg in Neuendeich.

Der zeitgenössische Kupferstich zeigt die Sägemühle Kedenburg & Bleeker auf dem Koppelberg an der Pinnau, der damals noch zu Neuendeich gehörte. Im Hintergrund die Kirche am Kloster. Foto: Archiv Historisches Uetersen

Nun war der Geologe und Agrarwissenschaftler Dr. Ludwig Meyn neuer Eigentümer auf dem Koppelberg, und eine für die Landwirtschaft bahnbrechende Industrie, die Düngemittelfabrikation, sollte den Namen Uetersens weithin bekannt machen. Anfang 1860 ist seine Fabrik im Firmenadressbuch verzeichnet als "Kedenburg & Bleeker, Sägemühle (Inhaber Dr. L. Meyn). Fabrik und Handlung von Bau  und Düngemitteln... Steinkalk, Muschelkalk, Roman Cement, Portland Cement, Peru Guano, Knochenmehl, phosphorsaurem Kalk, Volldünger, Düngergyps, Düngerkalk und ähnlichen landwirtschaftlichen Bedürfnissen. Alle Waren frei ins Schiff oder auf die Eisenbahn geliefert."

Nach einem Brand Ende 1860 in den Betriebsanlagen wurden Sägemühle, Papierherstellung und Muschelkalkproduktion aufgegeben, und Meyn konzentrierte sich fortan nur noch auf die Herstellung von Kunstdünger.

Ludwig Meyn gründete eine Düngemittelfabrik

Claus Christian Ludewig Meyn (1.10.1820 – 4.11.1878), Dr. der Philologie, in Pinneberg, Dingstätte 45, geboren, nahm 1840 sein Studium der Naturwissenschaften in Berlin auf. Als Privatdozent für Gesteins  und Bodenkunde lehrte er an der Christian Albrechts Universität in Kiel und arbeitete gleichzeitig als Lehrer der Naturwissenschaften am Kieler Gymnasium. Dort setzte er sich für eine Förderung der vernachlässigten Natur  und Heimatkunde ein.

Der Erforschung des Bodenaufbaues seiner Heimat und der Verbreitung der Forschungsresultate galt sein Streben, Seine Studenten wies L. Meyn nachdrücklich auf die Bedeutung der von Justus v. Liebig (1802 1873) begründeten Agrikulturchemie hin. Daraus entwickelte sich ein weiterer Teil seiner Lebensarbeit: den allen Neuerungen gegenüber skeptischen Landsleuten die Notwendigkeit klarzumachen, dein Boden durch wohlüberlegte künstliche Düngung diejenigen Nährstoffe wieder zuzuführen, welche ihm die abgeerntete Frucht entzogen hat.

Meyn ging als Salineninspektor nach Segeberg

Die schleswig holsteinische Erhebung gegen die dänische Herrschaft (1848) machte jedoch die Hörsäle an der Universität leer, und Meyn ging auf Wunsch der Provisorischen Regierung als Salineninspektor nach Segeberg.

Durch den unglücklichen Ausgang der Erhebung war er gezwungen, hier wieder einem dänischen Beamten zu weichen. Zwar nahm er seine Vorlesungen wieder auf, aber er erkannte die Aussichtslosigkeit auf eine Hochschullaufbahn und wandte sich nun der Praxis zu.