Die Pinnau - Eine Serie vom Verein Historisches Uetersen  
Sonnabend/Sonntag, 31. Januar 2004  

EIN FLUSS PRÄGT EINE STADT – HERAUSGEGEBEN VOM VEREIN HISTORISCHES UETERSEN TEIL XIV

Die Pinnau

Von der Klappbrücke bis zur Drehbrücke

Seit 1973 dominieren die Raiffeisen Silos das Gelände am Stichhafen.

Von Marlen Sönnichsen

Im Jahre 1937 etablierte sich die S H Landw. Hauptgenossenschaft (HG) am Uetersener Stichhafen mit dem Bau eines Silogebäudes für 4000 to Getreide, einem sogenannten "Reichsnährstandssilo", wie sie in dieser Zeit an mehreren Orten in Schleswig  Holstein entstanden.

"Fofftein" beim Bau des 40 Meter hohen Silos am Stichhafen im Jahre 1955. Die Akkord Kolonne der Zimmerleute, unter ihnen Herbert Baumgarten aus dem Katzhagen (vorne, vierter von rechts) gönnt sich eine Bierpause. Der Bruttolohn betrug damals 2,10 DM pro Stunde. Foto: privat

Durch den 1. Weltkrieg waren auf vielen Bauernhöfen notwendige Investitionsmaßnahmen unterblieben. Um Anschluss an moderne Produktionstechniken zu erlangen, verschuldeten sich viele Landwirte nach 1918 und nahmen Kredite auf. Diese Kredite waren jedoch durch ihr hohes Zinsniveau in ihrem Abtrag sehr viel teurer als zur Kaiserzeit und machten die Betriebe in starkem Maße von einer gleichmäßig guten Absatzlage ihrer Produkte abhängig. Preisstürze bei Vieh, Milch und Getreide zwischen 1926 und 1932 wirkten sich besonders bei Betrieben mit Monokulturen katastrophal aus.

S-H Landw. Hauptgenossenschaft

Die Zahl der Pfändungen, Konkurse und Zwangsversteigerungen nahm ein beträchtliches Ausmaß an. Die Weimarer Republik war außerstande, wirksame Konzepte zum Schutz der Landwirtschaft zu entwickeln und durchzusetzen. Hohe Reparationszahlungen an die Siegermächte des 1. Weltkrieges führten dazu, dass die Steuern trotz der anhaltenden Rezession und der Weltwirtschaftskrise weiter erhöht wurden.

Eine strenge Marktordnung

Die Nationalsozialisten begannen dann schnell mit der Stabilisierung der bäuerlichen Betriebe. Das Reichsnährstandsgesetz vom 13. September 1933 war eine der Grundlinien der Wirtschaftspolitik. Es herrschte eine strenge Marktordnung, in der z.B. die Preise vorgegeben waren. Die Interessen des Einzelnen wurden zurückgestellt und denen des Volkes und der Nation untergeordnet. Durch das Gesetz sollte eine Selbstversorgung des Deutschen Reichs auf dem Ernährungssektor erreicht werden. Ein Hintergedanke mag gewesen sein, dass kräftige Kämpfer für den Krieg heranwachsen sollten. Voraussetzung war unter anderem, dass zusätzliche Lagermöglichkeiten geschaffen werden mussten für die staatliche Vorratshaltung von Getreide.

Carl Rusch, langjähriger Direktor der schl.-holst. landw. Hauptgenossenschaft Kiel, trieb den Ausbau des Standortes Uetersen voran. Foto: Haendler Krah

Auch die Schleswig Holsteinische Landwirtschaftliche Hauptgenossenschaft begann nach den Jahren der Weltwirtschaftskrise im Jahr 1936 unter Zuhilfenahme von Zuschüssen aus Reichsmitteln an den für sie wichtigen Getreide  und Futtermittelumschlagplätzen in Flensburg, Husum und Rendsburg (Standorte mit schiffbaren Wasseranschlüssen) mit dem Bau größerer moderner Siloanlagen. In Uetersen und im südlichen Holstein hatte es bis her auch keine größeren Trocknungskapazitäten für Getreide gegeben. Und so wurde Uetersen an der Pinnau im Jahre 1937 Investitionsschwerpunkt der HG.

Der Betrieb wuchs und wuchs

In dem neuen Silo wurde nun das Getreide aus dein holsteinischen Raum getrocknet, gereinigt und gelagert, später im Stichhafen auf Schuten verladen und über die Pinnau und die Elbe nach Hamburg transportier , um dort an Getreide  oder Ölmühlen verkauft zu werden. In den folgenden 3 Jahrzehnten investierte die HG am Uetersener Standort nach Kräften, und der Betrieb wuchs und wuchs. Nach Krieg, Mangelbewirtschaftung und Währungsreform regte sich nun neue Investitionslust. Der Blick auf das Ausland führte zum Nachdenken über die Art der hier betriebenen Landwirtschaft. Spezielle Fertigfutter­mischungen für alle Nutztiere waren dort viel stärker verbreitet und würden auch hier bald einen großen Absatzmarkt fin­den.

Europas modernstes Kraftfutterwerk

Sollte die HG ein reines Handelsunternehmen bleiben und weiterhin die Kraftfuttermischungen bekannter Hamburger Unternehmen vertreiben oder selbst in die Produktion einsteigen und mit eigenen Qualitätsfuttermitteln in den Markt gehen? Der Absatzweg über die angeschlossenen örtlichen Genossenschaften konnte als weitgehend gesichert angesehen werden. So folgte auf diese Überlegungen schließlich 1950/ 51 der Bau des ersten HG eigenen Mischfutterwerks an der Pinnau. Hier wurde Mischfutter für Geflügel, Schweine und Rinder hergestellt. Es war seinerzeit das modernste Kraftfutterwerk Europas, denn es wurden erstmals spezielle Mischfutter entwickelt für die unterschiedlichen Bedürfnisse der Tiere. So etwas gab es vorher nicht.

Knapp 50.000 to betrug die Jahresproduktion. Die Rohstoffe kamen überwiegend aus Übersee und dann per Binnenschiff von den Seehäfen aus über die Elbe und Pinnau nach Uetersen. im zweiten Jahr war das Werk schon voll ausgelastet und musste rund um die Uhr arbeiten. Nur 4 Jahre nach dem Bau des Futtermittelwerks entstand am Hafenbecken direkt neben dem Silo ein weiteres Kraftfutterwerk, 40 Meter hoch und mit 100.000 to doppelt so groß wie das vorige. Dieses diente ausschließlich zur Herstellung von Rinderfutter.

1962/63 baute die HG am Hafenbecken eine weitere Produktionsstätte für Schweine  und Geflügelfutter, ein Silo von 52 Metern Höhe. Nach Inbetriebnahme wurde das Werk aus dem Baujahr 1950/51 stillgelegt. Die Gesamtproduktionsmenge der HG betrug nach dieser Ausbaustufe 230.000 to pro Jahr. 1967/68 erfolgte schließlich der Bau eines Vorratssilos für Rohkomponenten mit einem Fassungsvermögen von 10.000 to.

Aufstieg und Niedergang der Ha Ge

230.000 Tonnen Futtermittel pro Jahr produzierte die Raiffeisen Ha Ge in der Blütezeit des Unternehmens in Uetersen. Am Stichhafen und an der Pinnau legten Binnenschiffe und Schuten an, um die Rohstoffe, die überwiegend aus Übersee kamen zu löschen. Foto: Archiv Historisches Uetersen

Dass die HG Kiel vor 67 Jahren Uetersen als Standort für eine Niederlassung wählte und dann für einige Jahrzehnte zu einem ihrer Schwerpunkte machte, hängt mit der Person ihres langjährigen Direktors Carl Rusch zusammen. Älteren Zeitgenossen aus Landwirtschaft und Handel dürfte er noch in Erinnerung sein. An der Hamburger Getreidebörse war er jahrzehntelang eine Institution. Er war es, der sich 1937 für den Standort Uetersen stark gemacht hatte. Er war es auch, der 1950 bei den Verwaltungsorganen der HG in Kiel den Bau des ersten genossenschaftlichen Kraftfutterwerks dieser Größenordnung an der Pinnau durchgesetzt hatte. Die später gebauten Werke ergaben sich ja zwangsläufig aus der steigenden Nachfrage.

Carl Rusch, Jahrgang 1893, hatte sich eigentlich eine Laufbahn als Seeoffizier bei der Kaiserlichen Marine erträumt. Schwerste Verletzungen beendeten jedoch diesen Traum. In den folgenden Jahren – Ruschs Vater starb schon vor seiner Geburt nahm sich der Barmstedter Mühlenbesitzer Sophus Abel seiner an und entdeckte und förderte seine Fähigkeiten. In den ersten Nachkriegsjahren verpachtete er ihm seinen Betrieb. Wenige Jahre später suchte die Genossenschaftsmühle Elmshorn einen Geschäftsführer. Es gelang Rusch, diese Firma auszubauen und erfolgreich durch die schweren Jahre des großen Mühlensterbens zu manövrieren. Auch der Schl. Holst. Landw. Hauptgenossenschaft (HG) in Kiel, der Warenzentrale für damals noch über 400 Genossenschaften im Lande, hatten die Jahre der Krise schwer zugesetzt.

Carl Rusch wurde 1933 mit 40 Jahren als 1. Direktor nach dort berufen und blieb bis zu seiner Pensionierung Ende 1959 in dieser Position. Von Kiel aus baute Rusch die Niederlassungen in Flensburg, Rendsburg, Husum und Uetersen auf und damit den Warenhandel als Partner der Landwirtschaft in Schleswig Holstein. Er wurde mitverantwortlich für die Ernährungswirtschaft der damaligen Zeit. Ständig war er im Land unterwegs, sah sich vor Ort um, kontrollierte den Ablauf in den Niederlassungen, griff ein, ordnete an. Er war bekannt als dynamischer Kaufmann, als vital und durchsetzungsfähig, und man zollte ihm uneingeschränkten Respekt. Als er die Firma aus Altersgründen seinen Nachfolgern überantwortete, war die HG kerngesund und eines der größten Handelsunternehmen Schleswig Holsteins.

Wandel in der Schifffahrt und Kostengründe zwangen die HG, die inzwischen zur Raiffeisen Ha Ge umfirmiert hatte, in den 70  iger Jahren zu neuen Überlegungen. Produktionsmengen aus dem Uetersener Werk mussten nach Rendsburg, Flensburg und Hamburg verlegt werden, weil die Tiefe der Pinnau (nur ca. 3 m) und die zunehmende Verschlickung des Uetersener Hafens das Anlanden von geeigneten Schiffsgrößen erschwerte. Die doppelten Umschlagskosten in den Häfen Hamburg, Bremen und Rotterdam führten zu erheblichen Kostensteigerungen, so dass nun die Werke in Rendsburg, Flensburg und vor allem Hamburg am Seewasserhafen ausgebaut wurden. Als Anfang der 80 iger Jahre durch Veränderungen in der Landwirtschaft (Milchquotenregelung) die Nachfrage nach Futtermitteln und damit auch die Produktionsmengen sich verringerten, war vor allem das Werk Uetersen betroffen. In einer ersten Kündigungswelle wurde Personal abgebaut. Anfang der 90iger Jahre war der Standort Uetersen nicht mehr zu halten, und die Raiffeisen Ha Ge entschloss sich, die gesamten Anlagen am Uetersener Hafen zu verkaufen an die Firma Ramikal aus Hamburg. Diese produzierte hier noch drei Jahre lang Mineralstoffe und Vitamine für Tiere.

Silo steht auf städtischem Grund

Seitdem steht der Großteil der Gebäude leer und ist mehr oder weniger dem Verfall preisgegeben. Die Silos gehören einer Hamburger Firma, die alles, was wiederverwertbar ist, aus den Gebäuden ausschlachtet. Das ehemalige Mischfutterwerk von 1950/51 nutzt heute die Firma Frank Wisch GbR (Bauwerksabdichtung und Artikel für den Stahlbeton  und Mauerwerksbau) als Lager. Das alte Verwaltungsgebäude dient mehreren Mietparteien als Wohnraum. Die Raiffeisen Ha Ge, Geschäftsstelle Kellinghusen, hält jetzt in der Großen Twiete Nr. 101 eine Betriebsstätte Uetersen vor mit einem Landwarenhandel bescheidenen Umfanges. Interessant ist, dass das größte der Silos am Stichhafen teilweise auf einem 600 qm großen Erbbaugrundstück steht, das die HG im Jahre 1954 von der Stadt Uetersen kaufte und das nach einer vertraglich vereinbarten Zeit, nämlich am 31.12.2061, an die Stadt Uetersen zurückfällt.