Die Pinnau - Eine Serie vom Verein Historisches Uetersen  
 
Sonnabend/Sonntag, 24. Januar 2004  

EIN FLUSS PRÄGT EINE STADT – HERAUSGEGEBEN VOM VEREIN HISTORISCHES UETERSEN TEIL XIII

Die Pinnau

 

Von der Klappbrücke bis zur Drehbrücke

 

Die Nordmark Werke zählen zu den größten Arbeitgebern der Stadt.

 

Von Marlen Sönnichsen

 

 Im Jahre 1927 gründete der Apotheker Julius Wolf die Nordmark Werke in Hamburg‑Bramfeld. Im Februar 1943 folgte das Werk in Uetersen am rechten Pinnau‑Ufer, als Zweigwerk des Hauptsitzes in Hamburg. Von Anfang an wurden in diesem Werk Arzneimittel mit Wirkstoffen biologi­schen Ursprungs hergestellt. Wichtigster Wirkstoff aus Uetersen ist das Pankreatin, ein Extrakt mit den lebenswichtigen Verdauungsenzymen aus der Bauchspeicheldrüse des Schweins. Die Herstellung geht auf ein Patent von Julius Wolf zurück. Die Nordmark Werke gewannen damit sehr schnell an Bedeutung. In den 30‑iger Jahren wurden weitere therapeutisch hochwirksame Organextrakt- Präparate und Sulfonamide entwickelt, die seitdem zum ärztlichen Arzneischatz gehören. 1931 gründete Julius Wolf die erste wissenschaftliche Zeitschrift der pharmazeutischen Industrie, die "Materia Medica Nordmark", die als medizinische Zeitschrift bis weit über die Grenzen des Deutschen Reichs und später auch der Bundesrepublik anerkannt und zitierfähig wurde.

Nordmark Werke

Die Nordmark Arzneimittel GmbH & Co. KG heute ‑ ein mittelständisches Unternehmen ca. 400 Mitarbeitern und 55 Mio. Euro Jahresumsatz.
Foto: Archiv Historisches Uetersen

 

Lebertranherstellung
 

Im Jahre 1937 plante Julius Wolf ‑ im Zusammenhang mit dem Walfang ‑ den damals sehr wichtigen Lebertran herzustellen, zumal Nordmark ja bereits Leberschutzpräparate fertigte. Wolf glaubte seinerzeit, eine direkte Schiffsanbindung durch die am Werk vorbei fließende Pinnau und den vorgelagerten Hafen geschäftlich nutzen zu können. Dies wurde aber nie realisiert. Und so war und ist die Pinnau auch heute für die Nordmark Werke einfach nur der kleine Fluss, der am Werk vorbeifließt und dessen Schiffsverkehr lediglich zur momentanen Erbauung dient bei einem Blick aus den Fenstern der Produktions‑ oder Verwaltungsgebäude.

1939 kauften die Nordmark Werke die 1924 erbaute so genannte "Bauernmühle" an der Hohen Brücke, auf dem Werksgelände unmittelbar an der Pinnau gelegen. Das markante Gebäude ist ein Beispiel schützenswerter Industriebauten aus den 20‑ iger Jahren des 20sten Jahrhunderts und von historischem und städtebaulichem Wert für Uetersen. Es ist der ehemalige Umschlagspeicher der einstigen Mühle (sie besaß 4 Schrotgänge) des Schleswig‑Holsteinischen Bauernvereins e.G.m.b.H. zu Pinneberg, und hatte mit der Klostermühle in der Mühlenstraße zusammen eine Genossenschaftsmühle gebildet. Das Gebäude aus dunkel gebranntem Klinker wies an einer Außenwand den Schriftzug "Bauernverein eGmbH" auf. Es wurde von dem Architekten Klaus Groth aus Pinneberg erbaut, beherbergt heute die Betriebskrankenkasse der Nordmark Werke und dient ansonsten als Lager.

Klaus Groth, Architekt der Heimatschutzbewegung zu Beginn des 20. Jahrhunderts, prägte durch seine zahlreichen Bauten den Kreis Pinneberg. Auch das alte Schwimmbad in Uetersen ist sein Entwurf. Die sich in der Bauernmühle befindlichen Silos wurden ausgebaut und Zwischendecken eingezogen. Am 13. Dezember 1941 wurden zwei Luftschutzräume mit Gasschleusen für 50 und 23 Personen eingerichtet. Bemühungen der Nordmark, die Bauernmühle später zu einer kulturellen Einrichtung mit Cafe und Künstlertreff umzunutzen, scheiterten bisher an unzähligen Auflagen mehrerer Behörden.

In Moorrege kauften die Nordmark Werke unter anderem auch das Schloss Düneck, und zwar zur Erstellung einer Forschungsstätte, die unter der Firmierung "Institut für experimentelle Medizin GmbH Moorrege bei Uetersen Schloß Düneck" im Dezember 1938 handelsrechtlich eingetragen wurde. Hier wurden Laboratorien eingerichtet, die der fortschreitenden Forschung auf medizinischem Gebiet, unabhängig von der Fabrikation im Werk, unter Leitung eines medizinischen Professors dienten, bis der Kriegsausbruch diesen Arbeiten ein Ende setzte. Die wieder freigewordenen Räume wurden als Wohnungen den Mitarbeitern, die durch die Verlegung der Fabrikation von Hamburg nach Uetersen mit ihren Familien untergebracht werden mussten, zur Verfügung gestellt.

Bomben zerstörten das Hamburger Werk

In den ersten Kriegsjahren benutzte man die Räume im Schloss Düneck auch zur Verlagerung und Aufbewahrung von wertvollen Rohstoffen für die Fabrikation. Nach den Luftangriffen auf Hamburg im Juli 1943 wurden für die ausgebombten Familien Voß und Wolf im Schloss Düneck Wohnungen hergerichtet , und der zweite Stock wurde Ausgebombten und später auch Flüchtlingen zur Verfügung gestellt. Auf diese Weise ermöglichten die Nordmark Werke, oder besser gesagt deren Inhaber, es nebenbei auch , das Schloss Düneck entsprechend dem Wunsche des Erbauers Michael Lienau zu pflegen und zu erhalten.

Die Zerstörung der Fabrikanlagen in Hamburg durch Bomben während des 2.Weltkrieges konnte die Dynamik der Nordmark Werke und seiner Forscher nicht brechen. Aus dem Zweigwerk in Uetersen wurde nun das Hauptwerk, welches das Bild der Stadt an der Pinnau entscheidend prägte. Nach dem 2. Weltkrieg kamen wegweisende Ideen von Julius Wolf zur Ausführung und eröffneten der ärztlichen Behandlung neue Perspektiven.

Das wissenschaftliche Werk von Julius Wolf wurde von der Universität Hamburg mit der "Hermann ‑ Kümmel ‑ Gedenkmünze" anerkannt. Zu seinem 70sten Geburtstag wurde ihm das Bundesverdienstkreuz verliehen.

Die Persönlichkeit Julius Wolf war getragen vom Geist der Humanität mit einem hervorzuhebenden Blick für das Wesentliche und Notwendige. Sein feiner Humor, seine ungewöhnliche Energie und Schaffenskraft halfen ihm in schwierigen Situationen, seine Ideen zu verwirklichen. Mit vielen berühmten Wissenschaftlern und Ärzten seiner Zeit war er langjährig freundschaftlich verbunden. Auch nachdem er sich 1962 aus dem aktiven Geschäftsleben zurückgezogen hatte, blieb er den Nordmark Werken noch lange Jahre als Ratgeber erhalten. Kurz nach Vollendung seines 90sten Lebensjahres starb Julius Wolf. Er hatte bis zuletzt auf Schloss Düneck gewohnt.

Im September 1968 wurden die Nordmark Werke und damit auch der gesamte Grundbesitz in Uetersen von den Badischen Anilin‑& Sodafabriken (BASF) erworben. 1982 wurde die Knoll AG 100 % ‑ige Tochter der BASF, und 1988 vereinigte die BASF ihre Pharma‑Aktivitäten unter dem Dach der Knoll AG. Der neue Name an den Fabrikgebäuden verkündete der Stadt seit 1999 den Wechsel. Doch schon 3 Jahre später, 2001, verkaufte die BASF ihre Pharma Aktivitäten an Abbott Laboratories mit Sitz in Illinois/USA. Das Werk Uetersen der Knoll AG verließ den BASF‑Verbund, um künftig als unabhängiges Pharmaunternehmen und wieder unter dem vorigen Namen "Nordmark Arzneimittel" am Markt zu bestehen.

Optimistisch in die Zukunft

Heute ist die Nordmark Arzneimittel GmbH & Co.KG an der Pinnauallee Nr. 4 ein zukunftsorientiertes, mittelständisches Unternehmen mit 400 Mitarbeitern und einem Jahresumsatz von ca. 55 Mio Euro. Mit über 76‑jähriger Tradition schaut das Werk optimistisch in die Zukunft, als Spezialist für die Herstellung der biologischen Pharmawirkstoffe Pankreatin, Kollagenase und Heparin und Arzneimitteln für Human‑ und Veterinärmedizin, als Hersteller von Nahrungsergänzungsmitteln, als Lohnfertiger von Arzneimitteln und als Forscher und Entwickler auf dem Gebiet biologischer Wirkstoffe für die Pharmazie.

Kunst am Bau eines Industriedenkmals

Der säende Bauer, eine Terrakotta ‑ Figur des Bildhauers Fidde Biehl aus Pinneberg, steht heute auf dem Rasen im Eingangsbereich der Nordmark.
Foto: Sönnichsen

 

Eine übermannshohe, aus Terrakotta geformte, glasierte Figur, ein säender Bauer, die früher die östliche Außenwand der Bauernmühle zierte, wurde in den 70‑iger Jahren aus Sicherheitsgründen abgenommen und steht heute im Eingangsbereich des Firmengeländes auf dem Rasen. Diese "Kunst am Bau" aus dem Jahre 1926 schuf der Pinneberger Künstler Friedrich Wilhelm, genannt Fidde, Biehl (1893‑1972), ein Schwager des Architekten. Fidde Biehl, der Lehrer, Maler und Bildhauermeister war, lebte mit seiner Frau Felicitas Biehl, ebenfalls Malerin, von 1907‑1927 in der ehemaligen reetgedeckten Schule Pinneberger Dorf mit Atelier und einer eigens hergerichteten Bildhauerwerkstatt.

 

Sehr viele Reliefs und Skulpturen stammen aus dieser Zeit, auch zahlreiche Möbelentwürfe. Ein Sandsteinrelief "Gesunde und Kranke" am Portal des Kreiskrankenhauses Pinneberg, erbaut 1930, wurde in Unkenntnis seiner künstlerischen Bedeutung 1968 vernichtet. Ölbilder, Graphiken, Kupferstiche, Aquarelle, Feder‑ und Pinselzeichnungen, Holz‑ und Linolschnitte beinhalten das schöpferische Werk des Malers Fidde Biehl. Auch schriftstellerisch betätigte er sich, und zwar in plattdeutscher Sprache, sei es in der plattdeutschen "Littmaatschapp" oder als "Hein Fleiten" im Pinneberger Tageblatt.

Im Mittelpunkt seiner Aufmerksamkeit stand immer das Genre des eigenen, oft schnurrigen holsteinischen Menschen in seiner Umgebung. Dabei interessierte ihn nicht das Allgemeine, sondern das Eigenartige, das Besondere und Gediegene ‑ der Bart eines Mannes, eine besonders auffällig geformte Nase, ein sonnenbeschienenes Mäuerlein zum Beispiel. Auch der säende Bauer auf dem Rasen der Nordmark Werke fügt sich in dieses Genre ein mit seinem zerbeulten Hut, seiner gebeugten Haltung und den schweren Stiefeln. Es wäre zu wünschen, dass diese Skulptur, die leider große Schäden aufweist, restauriert würde und erhalten bliebe, als ein frühes Beispiel von "Kunst am Bau" eines Industriedenkmals.

So sahen die Nordmark Werke noch 1952 aus. An der Mauer der Bauernmühle (links) befindet sich die Figur "der säende Bauer", im Hintergrund in der Bildmitte Gebäude der damaligen schleswig‑holsteinischen Hauptgenossenschaft am Stichhafen. Foto: Schweim