Die Pinnau - Eine Serie vom Verein Historisches Uetersen  
Sonnabend/Sonntag, 17. Januar 2004  

EIN FLUSS PRÄGT EINE STADT – HERAUSGEGEBEN VOM VEREIN HISTORISCHES UETERSEN TEIL XII

Die Pinnau

Von der Klappbrücke bis zur Drehbrücke

Herstellung und Verarbeitung von Kalk hatte in Uetersen eine lange Tradition.

Von Marlen Sönnichsen

Die Bodengebundenheit der Wirtschaft in Uetersen zeigt sich auch in den Industrien der Steine und Erden. Schon in der „Fundatio“ wird der Ort „Glebede“ (Glinde?) genannt, „wo Ziegelsteine geformt und gebrannt wurden“   dieser Bericht stammt wahrscheinlich aus dem Ende des 14. Jahrhunderts. Die Ziegelindustrie hat sich anscheinend nicht weiter ausgebreitet, denn es herrschte hier in späteren Jahrhunderten trotz geringer Bautätigkeit immer Mangel an Ziegelsteinen.

Ziegelei, Kalkbrennerei, Zementfabrik

Die frühere Arbeiterherberge der Zementfabrik, die "Alsen Kaserne" in Moorrege. Heute bietet ein Immobilienmakler hier Wohnungen und Gewerbeflächen zum Kauf an. Foto: Sönnichsen

Um diese Zeit aber bestand hier schon die Kalkbrennerei aus Muscheln, die sich bis zum Ende des 19. Jahrhunderts hielt. Camerer schreibt 1762: „Hier ist gleichsam der Hafen von Uetersen, und die kleinen Fahrzeuge, die ihren Betrieb hier haben, und nichts anderes als Muscheln zum Kalkbrennen bringen und wieder Torf wegfahren, landen hier in Menge an“.

Um die Mitte des 19. Jahrhunderts werden noch folgende Muschelkalkbrennereien aufgeführt: Gätgens, C.A. Muschelfabrik, Königl. Fähre Neuendeich   Jencquel, A. Zementfabrik, Ziegelei, Fabrikation von allen Sorten Kalk, vor der Hohen Brücke   Kahlke, D. Muschel- und Steinkalkfabrik, Neuendeich   Timm J. Muschelkalkfabrik, Brau  und Brennerei, Klosterdeich. Noch in den neunziger Jahren des 19. Jahrhunderts sah man am Deich nach Neuendeich entlang die kleinen turmartigen Öfen für die Muschelkalkbrennerei und daneben die weißen, weithin leuchtenden Muschelhaufen.

Der Vorläufer der späteren Alsenschen Zementfabrik war die hiesige Kalkbrennerei von Hinrich Wilhelm Kelting an der Hohen Brücke. Die Muscheln trug man bei Ebbe auf den Muschelbänken der Nordsee zusammen und brachte sie mit Ewern zu Kelting an die Hohe Brücke. Aus den Berichten von Camerer aus dem Jahre 1762 über den Uetersener Hafen weiß man, dass die Geschichte der hiesigen Kalkbrennerei bereits vor diesem Jahre begann. Als Adolph Jencquel die früheren Lienauschen Kalköfen 1842 von Hinrich Wilhelm Kelting übernahm, ließ er noch 2 weitere Brennöfen errichten.

Nach dem Tode von Jencquel verkaufte seine Witwe den Betrieb im Jahre 1851 an Detlef Adolph Stavenow und Franz Heinrich Lindemann. Lindemann schied schon 1862 wieder aus der Firma aus. Seine Stelle nahm der Kaufmann Hermann Ehlers ein. 1870 trat auch Stavenow seinen Anteil an Ehlers ab. Die Firma wurde umbenannt in "Kalkbrennerei, Kreide , Ton­ und Porzellanfabrik H. Ehlers & Co. Uetersen". Die Ziegelei auf dem Betriebsgelände war die einzige Ziegelei nahe am Flecken Uetersen. Als sie mit der Entwick­lung der Firma zur Zementfabrik einging, fehlte es an einer Ziegelei. Aus dem Kreise der Gründer des Uetersener Kreditvereins heraus erwuchs dann der Plan, eine neue Ziegelei zu gründen.

Der Agrarwissenschaftler Dr. Ludwig Meyn, der Klosterpropst Wilhelm von Ahlefeldt, die Priörin von Rantzau, Michael Lienau von Schloss Düneck und Kapitän Jan Peter Baas waren die Initiatoren. Das Werk, die „Uetersener Dampfziegelei“, wurde 1873 in Angriff genommen, stockte aber, als Lienau wieder nach Amerika zurückging. Die Umstände zwangen nun den Kapitän Baas dazu, allein weiterzumachen. Es wurde ein großer Ringofen gebaut in der Nähe des heutigen Stichhafens am Finkenbrook und damit eine Anlage geschaffen, die allen damaligen Ansprüchen genügte.

Ziegelei durch Sturm verwüstet

Dieser präch­tige Medaillon Wandteller aus Keramik wurde in der Uetersener Ofenfabrik angefertigt zur Feier der Jahrhundertwende 1899/1900.Das Original befindet sich im stadt-geschichtl. Museum in der Parkstraße. Foto: Sönnichsen

Am 10. August 1925 wurden Uetersen und die Umgebung von einer schweren Unwetterkatastrophe heimgesucht. Sturm und Wasser richteten große Verwüstungen und Wasserschäden an. Faustgroße Eisstücke prasselten, mitten im Sommer, auf die Stadt nieder. Der angerichtete Schaden war so groß, dass Uetersen jahrelang noch unter den Folgen aus den finanziellen Aufwendungen, die durch das schwere Unwetter ausgelöst worden waren, litt. Auch die Gebäude der Ziegelei wurden durch den Orkan zerstört. Im Wiederaufbau entstand ein modernisierter Betrieb mit künstlichen Trockenanlagen, die "Uetersener Dampfziegelei J.P.Baas Nachfolger". Diese Nachfolger waren: Franz Wilhelm Schinckel (seine Frau Anna war die Tochter von Kapitän Baas), später dessen Sohn Johannes Adolf Schinckel. Letzterer wiederum war der Vater von Helmut Schinckel, dem bis vor einigen Jahren die Mühle am Klosterdeich (heute Deichstr. 39) gehörte und der heute am Rosarium wohnt. Im Jahre 1949 wurde die Ziegelfabrikation aufgegeben, da in der zur Verfügung stehenden Tongrube neben der Ziegelei nicht mehr genügend Ton abgebaut werden konnte. Der Betrieb arbeitete zuletzt mit 20 30 Mann. Die Gebäude wurden nach und nach abgetragen, die Tongruben zugeschüttet. Nur der Weg „Ziegelei“, vom Stichhafen zu den Kleingärten führend, erinnert noch an frühere Zeiten.

Die Firma Ehlers & Cie. wurde vollständig zu einer Zementfabrik ausgebaut. Daneben baute Ehlers eine Concretfabrik auf, in der aus Zement kleine flache Dachziegel hergestellt wurden. Die für die Zementherstellung erforderliche Kreide wurde mit Ewern aus Lägerdorf geholt. Ehlers hatte auch selbst einige Ewer in Fahrt, wie aus dem Reparaturbuch der Jacobs  Werft zu sehen ist. Nach dem Tod von Ehlers im Jahre 1884 kaufte die Firma Alsensche Portland Cement Fabriken mit Sitz in Hamburg und Zweigniederlassungen in Itzehoe und Lägerdorf den Betrieb mit sämtlichen dazugehörigen Ländereien für die Summe von 701.355 Mark und wandelte ihn in eine Aktiengesellschaft um. Der Betrieb umfasste zu diesem Zeitpunkt 26 Brennöfen, Schlämmbottiche, Dampfmaschinen, 8 Trockendarren, 1 Küperei und eine Kachelofenfabrik, die fast 50 Jahre lang erfolgreich arbeitete.

Ende der 80-iger Jahre des 19. Jahrhunderts wurden in der Ofenfabrik Dietz'sche und Wulf'sche Schacht-öfen an­gelegt. Soweit das heute noch feststellbar ist, wurden nur Majo­lika Kachelöfen gefertigt. Sie waren vor allem braun und grün gehalten und nur in Sonderanfertigung mit Bildkacheln versehen. Der Ton für die Ofenkacheln kam aus den Glinder Tongruben. Wenn Kacheln für besondere Öfen geformt und gebrannt wurden   wie z.B. für die Öfen im Schloss Düneck in Moorrege   wurde der Ton extra mit dem Schiff aus den Tonkuhlen bei Kellinghusen geholt. Außer Kacheln stellte man auch Majolikaware her. Letzter Fayencemaler der Uetersener Ofenfabrik war Johannes Wendorff. Noch heute findet man in Haushalten der Umgebung sehr schöne Fayencen, die hier gefertigt wurden. Auch im Stadt  und Heimatgeschichtlichen Museum in Uetersen sind solche Exponate zu besichtigen, die von Wendorff verziert wurden, z. B. ein großes Medaillon, eine Sonderanfertigung der Ofenfabrik zur Jahrhundertfeier 1900.

Uetersener Öfen nach Chicago

Die Erzeugnisse der Ofenfabrik hatten in ganz Deutschland einen sehr guten Ruf. Um auch über die Grenzen hinaus bekannt zu werden, gab die Firma ihrem damaligen Töpfermeister Bilinski den Auftrag, einige Öfen für die Weltausstellung 1894 in Chicago anzufertigen. Verständlicherweise gestaltete sich der Transport der Öfen als recht schwierig. Dennoch erhielten sie auf der Ausstellung hohe Auszeichnungen, und die Firma schenkte dem tüchtigen Töpfermeister die Ofen. Etwa um 1910 ließen sich die Werbefachleute der Ofenfabrik etwas Besonderes einfallen: In der Form einer Ofenkachel wurde eine farbenprächtige Serie von Majolika Aschenbechern hergestellt, die die Bezeichnung "Katerfrühstück" erhielten und an Gasthäuser und Schankwirtschaften kostenlos verteilt wurden. Ein Exemplar dieser Kuriosität wurde von seinem Besitzer dem Stadt  und Heimatgeschichtlichen Museum in Uetersen zur Verfügung gestellt.

Die Weltwirtschaftskrise erfasste auch die Uetersener Ofenfabrik. 1925 wurde sie geschlossen. Die verfallenen Gebäude wurden Anfang der 30 iger Jahre abgerissen. Damit war der zeitlich letzte industrielle Ausläufer der Töpferei in Uetersen, die als Handwerk Jahrhunderte zurückreicht, nun auch Geschichte.

Mit der Übernahme des Be­triebes durch die Firma Alsen ging der Ausbau der Zementfabrikation schnell voran. Alsen stellte sich bei der Zementherstellung auf Lägerdorfer Kreide um. Sie hatte sich generell als Grundstoff zur Zementherstel­lung durchgesetzt. Schon 1860 hatte Jencquel in Lägerdorf Kreideländereien in Größe von 60 ha erworben.

Für den Transport der Kreide nach Uetersen sorgten Kreide Ewer, die später eine starke Konkurrenz in der firmeneigenen Reederei fanden. Alsen ließ für den Kreidetransport nach Itzehoe 13 Schuten von je 100 to Tragfähigkeit bauen.

Man stellte daraus 3 Schleppzüge zusammen, die ständig zwischen Uetersen und Itzehoe pendelten. Nur so ließ sich der tägliche Kreidebedarf des Werkes von 400 Tonnen herbeischaffen. Den für die Zementherstellung erforderlichen Ton lieferten die Glinder Tongruben, die heute noch in der Landschaft sichtbar sind. Das Glinder Freibad ist z.B. die bekannteste davon. Der Ton wurde auf Loren gebracht, deren Schienen man von der Zementfabrik zu den Tongruben verlegt hatte.

Mit der Errichtung von Arbeiterhäusern, zu denen jeweils 1000 qm Gartenland gehörte, wollte die Firma Alsen die Lebensqualität ihrer Arbeiter verbessern. Die in Moorrege als „Alsen Kaserne“ bekannte Arbeiterherberge diente besonders zur Unterbringung der Saisonarbeiter aus Ost  und Westpreußen während der Sommermonate. Eine Alsensche Betriebskrankenkasse wurde 1884 im Zuge der Bismarckschen Sozialgesetzgebung gegründet. Die freie ärztliche Behandlung, die anfangs nur für die Betriebsangehörigen galt, wurde im Jahre 1899 auf alle Familienmitglieder ausgedehnt. Auch eine eigene Konsumanstalt wurde 1888 geschaffen, in der die Arbeiter als Mitglieder Waren für den täglichen Gebrauch zu ermäßigten Preisen einkaufen konnten.
Zur Erhöhung der Produktivität nach dem 1. Weltkrieg wurden die 16 handbetriebenen Schachtöfen durch automatische Öfen ersetzt und andere technische und bauliche Verbesserungen des Betriebes vorgenommen. Aber das vollständige Erlahmen der Bautätigkeit in der zweiten Hälfte der zwanziger Jahre und der ständige Ausbau des Itzehoer Werkes an der schiffbaren Stör führte 1930 zur Stilllegung des Werks in Uetersen/Moorrege.

Das Ende der Zementfabnk

Im Frühjahr des Jahres 1934 ist die Zementfabrikation im Werk Uetersen/Moorrege wieder aufgenommen worden. Es wurde eine besondere Art von Klinkern hergestellt, die nach Itzehoe gebracht und dort zu Zement vermahlen wurden. Der Transport gestaltete sich als recht schwierig, da die Klinker noch heiß in Schiffe verladen wurden. Die Firma Alsen zog 1934 wegen zu geringer Eignung ihre Schuten aus dem Verkehr und verpflichtete die Elmshorner Dampfschifffahrtsgesellschaft mit 3 Motorleichtern und 3 Schuten für die Transporte Doch schon 2 Jahre später erfolgte die endgültige Stilllegung des Werkes. Viele Werksangehörige verließen nun Uetersen und Moorrege und fanden im Hauptwerk Itzehoe neue Arbeit.

Auf Moorreger Seit e der Pinnau lag die Alsensche Portland–Cement  Fabrik. Die Kreide Ewer wurden per Drehkran entladen. 400 Tonnen Kreide wurden täglich benötigt. Pferde zogen die Loren zu den Fabrikgebäuden.
Foto: Schweim

Mit zunehmender Technisierung und Ausweitung des Werkes in Lägerdorf schwand die Bedeutung des Itzehoer Standortes. 1982 schließlich wurde die Fabrik geschlossen. Bis jetzt ist unklar, was auf dem Gelände am Ortseingang, das immer noch eine Industriebrache ist, geschehen soll. Die Werke in Lägerdorf und Rethwisch prosperierten viele Jahre, wenngleich es im Verlauf der Firmengeschichte reichlich Fusionen gab. Erst 1997 ist die Alsen AG durch Verschmelzung der Alsen Breitenburg Zement  und Kalkwerke mit Sitz in Hamburg und der Nordcement in Hannover entstanden. Dann übernahm der weltweit operierende Holcim Konzern mit Sitz in der Schweiz die Firma Alsen, und mit dem Namen Alsen verblasst nun auch die Erinnerung an ein bedeutendes Kapitel Industriegeschichte in der Region. Das Areal der ehemaligen Alsenschen Zement  und Ofenfabrik an der Pinnau in Uetersen und Moorrege gehört heute zum Betriebsgelände der Nordmark Werke.