Die Pinnau - Eine Serie vom Verein Historisches Uetersen  
Sonnabend/Sonntag, 10. Januar 2004  

EIN FLUSS PRÄGT EINE STADT – HERAUSGEGEBEN VOM VEREIN HISTORISCHES UETERSEN TEIL XI

Die Pinnau

Von der Klappbrücke bis zur Drehbrücke

Uetersens Papierfabrik feiert am 30. September ihr 100. Firmenjubiläum.

Von Marlen Sönnichsen

Im Jahre 1904 war im Großen Sand Nr. 44 in Uetersen eine Tuchfabrik gegen Gebot zu verkaufen. Der mehrfache Fabrikbesitzer J.E. Jenß im Volksmund nur „Papa Jenß“ genannt wegen seines Engagements für hilfsbedürftige Menschen, hatte ein Angebot abgegeben.

Papierfabrik in Uetersen

Die Norddeutsche Papierfabrik Hirth und Jenß im Jahre 1904. Heute gehört die Nachfolge Firma STORA ENSO zu Uetersens größten Arbeitgebern mit Geschäftsbeziehungen in alle Welt. Foto: Schweim

Bei der Angebotseröffnung traf er vor Ort den Hamburger Zeitungsverleger Hirth, der ebenfalls ein Angebot abgegeben hatte, weil er die Tuchfabrik für seinen Schwiegersohn erwerben wollte. Die Herren Jenß und Hirth kamen ins Gespräch, und nach einigen Stunden waren sie sich einig, gemeinsam in Uetersen eine Papierfabrik zu gründen. Genügend Kapital hatten beide Herren, und "Papa Jenß" besaß zudem noch ein großes Grundstück direkt am Pinnau Ufer nahe der Hohen Brücke, ideal für eine Papierfabrik.

Papier für Hamburger Zeitungen

So wurde am 30. September 1904 die "Norddeutsche Papierfabrik Hirth & Jenß Hamburg und Uetersen, Sitz Uetersen" ins Handelsregister ­Amtsgericht Uetersen eingetragen. Schon ein knappes Jahr später lief die erste Papiermaschine an, und im Jahre 1908 wurde die zweite Papiermaschine in Betrieb genommen. Damals stellte man 300Tonnen Zeitungsdruckpapier monatlich her, die fast ausschließlich an Hamburger Zeitungsverlage verkauft wurden.

Den für die Papiererzeugung notwendigen Holzschliff bezog man zunächst nur ans dem Harz. Später, als die Produktion anstieg, kaufte man auch in Schweden und Finnland. Aus gesundheitlichen Gründen musste der Verleger Hirth ans der Firma aussteigen. Da Jenß allein nicht kapitalkräftig genug war, um die Firma weiter auszubauen, verkaufte er sein Unternehmen 1910 an die Papierfabrik Kabel in Hagen. Der Name wurde geändert und lautete nun „Papierfabrik, Uetersen GmbH“

Der Lederleim  und Papierfabrikant Joachim Ernst Jenß gründete die Papierfabrik an der Pinnau.
Foto: Archiv Historisches Uetersen

Noch mehrmals änderten sich die Besitzverhältnisse, 1913 erfolgte der Zusammenschluss mit der Papierfabrik Reisholz AG, Sitz Düsseldorf , und 1929 kam die Vereinigung mit der Feldmühle AG zur "Feldmühle, Papier  und Zellstoffwerke AG, Sitz Stettin Odermünde". Zwischen 1931 und 1934 zwang die Krisis der Zeit zu mehreren Stillständen, und im Herbst 1939 wurde die Produktion endgültig stillgelegt. Teile des Werkes wurden demontiert und Gebäudeteile zweckentfremdet von der Reichspost belegt. Monate vor Ende des Krieges war die "Feldmühle" Kriegsmarinedepot geworden. Dort lagerten neben Kriegsmaterialien ungeheure Vorrate an Textilien.

Die Kriegsmarine Kiel hatte den Befehl gegeben, das Marinedepot zu sprengen, falls der Feind versuchen sollte, es in Besitz zu nehmen. Im Ernstfall hätte diese Sprengung den gesamten Stadtteil Uetersen Ost in Schutt und Asche gelegt, die "Feldmühle" selbst wäre restlos vernichtet worden. Es ist dem leitenden Marineoffizier des Depots zu verdanken, dass beim Heranrücken der Engländer diese Sprengung nicht vollzogen wurde und die Gebäude der „Feldmühle“ stehen blieben.

Diese Entscheidung nahm der beherzte Marineoffizier auf seine Kappe. Kurz vor Herannahen der Engländer, am 2. Mai 1945, wurde zwischen der Kriegsmarine und der Stadt Uetersen ein Vertrag über die Übernahme des Marinedepots in der „Feldmühle“ geschlossen. Die Textilien ans dem Marinedepot kamen dem Krankenhaus und über die Händler auch den Uetersener Bürgern zugute.

Es waren 5 Arbeiter und 2 Angestellte, ein Häuflein, welches sich im Juni 1947 unter unsagbaren Schwierigkeiten an die unübersehbare Arbeit machte, die Papierfabrik zu neuem Leben zu erwecken. Unter ihnen auch der spätere Direktor Kurt Schulz. Maschinen und Gebäude wurden überholt und elektrische Anlagen instand gesetzt. Nach einem knappen halben Jahr zählte die Schar schon 59 Arbeiter und 9 Angestellte. Der Anfang war geschafft.

400 000 Liter Pinnauwasser pro Stunde

Wenn auch bei der Wahl des Standortes 1904 der Zufall seine Hand im Spiel gehabt hatte, so waren es doch vor allein zwei Voraussetzungen, denen entscheidendes Gewicht beigemessen wurde für den weiteren Ausbau des Werkes: Einmal war es die Nähe des aufnahmefähigen Marktes Hamburg mit seinem hoch entwickelten Druck  und Verlagsgewerbe, zum anderen gab nun die Bedeutung der Pinnau als Schifffahrtsweg und Wasserlieferant den Ausschlag. Schon 1953 arbeitete die Papierfabrik im Non stop Betrieb und stellte täglich 150 bis 160 Tonnen mittelfeines satiniertes Papier her. Täglich erforderte die Herstellung 450 Raummeter Holz, 130 bis 140 Tonnen Kohle bzw. Rohöl. Stündlich mussten für die Herstellung der Papiermengen 400 000 Liter Wasser der Pinnau entnommen werden. Auch heute noch wird der Frischwasserbedarf aus der Pinnau gedeckt. Er liegt bei 250.000 Liter pro Stunde und konnte damit seit 1953 konsequent gesenkt werden, während gleichzeitig die Papierproduktion bis heute angestiegen ist.

Aus organisatorischen Gründen firmierte man am 28. August 1951 um in "Norddeutsche Papierwerke GmbH Uetersen". Unter schwierigen Bedingungen leitete Kurt Schulz bis 1975 den Neuaufbau des Werkes nach dem Krieg mit einer zwischen 500 und 800 Mitarbeitern schwankenden Belegschaft. Moderne Maschinen und technische Anlagen wurden installiert und die Produktion den Weltmarktbedingungen angepasst. Ab 1976 bis zu seiner Verabschiedung in den Ruhestand im Jahre 1995 stand Dr. Klaus Templer an der Spitze der Fabrik. In den Jahren 1979/80 entstand auf dem Werksgelände im Rahmen riesiger Investitionsmaßnahmen ein großes Hallengebäude, das in der Lage war, eine 41 Meter lange Papierstreichmaschine   die modernste Maschine dieser Art in Europa zur Veredlung der Papiere   aufzunehmen. Ein weiteres Großprojekt innerhalb dieser 75 Millionen DM Maßnahmen wurde fast gleichzeitig in Angriff genommen: eine neue Ausrüstungshalle, die auf einer Fläche von 6.240 qm vier Querschneidemaschinen unterbrachte.

Kurt Schulz baute das am Boden liegende Werk nach dem 2. Weltkrieg unter unsäglichen Schwierigkeiten wieder auf. Foto: Archiv Historisches Uetersen

Das Uetersener Unternehmen wurde zum Zentrum für die Herstellung holzfreier gestrichener Formatdruckpapiere und einseitig gestrichener Etikettenpapiere. 50 Prozent seiner Produktion wird weltweit exportiert. Ab 1. Januar 1995 trug die Uetersener Papierfabrik den Namen "STORA Uetersen GmbH", und am 15. August 1995 übernahm Dieter Fischer als alleiniger Geschäftsführer die Leitung der Papierfabrik. Er war lange Zeit in Schweden tätig gewesen und hatte in der Papierbranche alle Stationen mit Erfolg durchlaufen. Wegen der Fusion des schwedischen STORA und des finnischen ENSO Konzerns im Jahre 1998 wurde das Uetersener Werk 1999 umfirmiert in STORA ENSO Uetersen GmbH und im Jahre 2001 wiederum umbenannt in STORA ENSO Uetersen GmbH & Co. KG. Es gehört damit als Tochterunternehmen zum zweitgrößten Papierkonzern der Welt.

Mit der in Uetersen entwickelten und weltweit erstmals benutzten Trenntechnik lassen sich die in der Papierproduktion anfallenden Reststoffe auf ein unvermeidbares Minimum reduzieren. Das Unternehmen produziert nach streng vorgeschriebenen Umweltrichtlinien. Es beschäftigte 2003 550 Mitarbeiter und gehört zu den größten Arbeitgebern Uetersens und der Region. Der Jahresumsatz 2002 betrug 187 Mio Euro. Das Werksgelände erstreckt sich auf 648.000 qm (64,8 Hektar), davon bebaut sind 83.700 qm (8,37 Hektar). Geschäftsführer als Nachfolger von Dieter Fi scher ist seit dem 1. Januar 2002 Dipl. Ing. Joachim Grünewald.


Am werkseigenen Kai liegt die "Rhin". Sie hat Zellulose für die Papierherstellung gebracht. Im Hintergrund überquert ein Auto die Klappbrücke, die bei ihrer Einweihung 1953 nach Oswald Dittrich, dem damaligen Generaldirektor der Papierfabrik und eigentlichen Schöpfer der gesamten Betriebsanlage, benannt wurde. Foto: Sönnichsen

Für die "Feldmühle", wie das Werk noch heute im Volksmund genannt wird, ist der Wasserlauf der Pinnau nach wie vor von erheblicher Bedeutung. Ca. 36 Prozent des Gesamtbedarfs an Rohstoffen wird per Binnenschiff angeliefert und am firmeneigenen Anlieger entladen. Die Schiffer, die im Auftrag der STORA ENSO tätig sind, holen die Rohstoffe in den Seehäfen Brake und Glückstadt ab, wo sie von großen Frachtern auf Binnenschiffe umgeladen werden. Über die Elbe, durch das Pinnau Sperrwerk und die Pinnau entlang bis Uetersen geht dann die tägliche Fahrt. Der Versand der bei STORA ENSO hergestellten Produkte erfolgt allerdings nicht auf dem Wasserwege und auch nicht per Bahn, sondern als LKW Transport über die Straße (innerdeutsch und europaweit), sowie per Container für die Verschiffung nach Übersee.