Die Pinnau - Eine Serie vom Verein Historisches Uetersen  
Sonnabend/Sonntag, 3. Januar 2004  

EIN FLUSS PRÄGT EINE STADT – HERAUSGEGEBEN VOM VEREIN HISTORISCHES UETERSEN TEIL X

Die Pinnau

Von der Klappbrücke bis zur Drehbrücke

Nach dem zweiten Weltkrieg belebten Freizeitskipper und Personenschifffahrt die Pinnau.

Von Marlen Sönnichsen

Neben der Einmündung des Stichhafens in die Pinnau, auf dem ehemaligen Trockenplatz der Ziegelei Schinkel, auch Saul’sche Wiese genannt, etablierten sich im Jahre 1947/48 die Wassersportler. Der Wassersportverein Uetersen e.V. hatte sich im August 1946 mit Genehmigung der englischen Militärregierung nach Betätigungsverbot während der Kriegszeit wieder­ gegründet (eigentliche Vereins­gründung als „Not Gemeinschaft" war am 1.3.1928). Die Stadt übernahm die Kosten für die Ausbaggerung des neuen Bootshafens.

Der Hafen des Wassersportvereins Uetersen am Kloster-deich bietet ideale Bedingungen. In unzähligen Arbeitsstunden schufen die Vereinsmitglieder hier ein vorbildliches Refugium für Wassersportler.
Foto: Sönnichsen

Mit dem ausgebaggerten Erdreich wurde ein alter Priel zugeschüttet, der früher zum Gelände der hier befindlichen Ziegelei gehörte, und der restliche Boden wurde auf dem Grundstück des Baugeschäfts P. Möller verteilt, einem Anlieger.

Den ehemaligen Ziegeleischuppen von Schinkel mietete der WSV zur Bootslagerung an, und mit der Stadt wurde ein Pachtvertrag geschlossen zur Nutzung des neu erstandenen Hafengeländes am Stichhafen.

Am weiteren Ausbau des Stichhafens 1961 beteiligten sich die Wassersportler in unzähligen Arbeitsstunden, und es entstanden neue Liegeplätze für die Boote. Damit hatte der WSV nun zwei Häfen, den alten am Klosterdeich (Deichstraße) und den neuen am Stichhafen.

Yachthafen und Personenschifffahrt

Ende 1163 begannen die Ar­beiten zur Begradigung der Pinnau in Höhe des Klosterdeichs. Der Stadt Uetersen lag damals viel daran, den billigsten Verkehrsweg, den Wasserweg, für die florierende Wirtschaft der Stadt so effektiv wie möglich zu gestalten. Mit der Begradigung der Pinnau an dieser Stelle sollten auch größere Schiffe die Möglichkeit erhalten, die Pinnauhäfen anzulaufen. 1968 schließlich waren die Arbeiten beendet. Für den Wassersportverein bot sich nun am Klosterdeich ein neues Bootshafenprojekt an. 1969 kaufte der WSV Uetersen die durch die Begradigung entstandene Insel im Pinnau Knie vor der Firma Schaumann und nutzte diese als Winterliegeplätze. Weitere Ausbauten folgten. Die Mitglieder des WSV legten sich kräftig ins Zeug, um ihre Häfen immer weiter zu verbessern und auszubauen. Unzählige freiwillige Arbeitsstunden stecken in den heute nahezu idealen Anlagen, die alles vorhalten, was das Herz eines Wassersportlers erfreut: Zwei Häfen, drei Bootshallen, Bootslagerplätze, technische Vorrichtungen, ein Mehrzweckheim, sanitäre Anlagen und gepflegte, befestigte Außenanlagen. Und nicht zu vergessen die Gewässer, die zur Ausübung des Wassersports nun einmal erforderlich sind, die Pinnau, die Elbe und das weite Meer.

Personenschifffahrt in das "Kirschland" Freudenberg Flotte "Ted" und "Uetersen" haben festgemacht an Freudenbergs Privat- Anlieger am Pinnaudeich vor seinem idyllischen Fachwerkhaus. Foto: privat

Nach dem Kriegsende 1945 war Schleswig- Holstein unter englischer Besatzung. Alles war streng und sehr knapp rationiert. Es herrschten große Not und großer Hunger, denn zu kaufen gab es wenig. Viele Menschen sahen sich daher gezwungen, auf "Hamstertour" zu gehen, um wenigstens einigermaßen über die Runden zu kommen. Gerade für die Stadtbewohner in Schleswig Holstein war Niedersachsen bzw. die Lüneburger Heide das "gelobte Land", wo man mit ein bisschen Glück Kartoffeln und andere Nahrungsmittel ergattern konnte. Nur der Weg dorthin mit der Bahn über Hamburg war beschwerlich. Außerdem war die Gefahr groß, dass man auf der Rückfahrt kontrolliert wurde schließlich war das "Hamstern" verboten   und dass die wertvollen Mitbringsel an die Obrigkeit verloren gingen.

Zum „Hamstern" nach Stade

Die Zeichen der Zeit erkennend, schien es dem Kapitän Fritz Freudenberg aus Uetersen, der mit der Gegend, der Elbe und ihren Nebenflüssen wohl vertraut war, erfolgversprechend zu sein, die Verkehrsverbindung zum niedersächsischen Ufer des Elbstroms zu erweitern. Sein eigentliches Metier, die Küstenschifffahrt, war nämlich noch wegen der Kriegsfolgen mehr oder weniger blockiert. Die Kümos aus den hiesigen Gebieten lagen, soweit sie den Krieg unbeschadet überstanden hatten, wohl vertäut am Pinnaubollwerk am Stichhafen bei der damaligen Bauernmühle. Die Wiederzulassung zum Betrieb erfolgte erst später über eine so genannte X Nummer. Kapitän Freudenberg konnte von der HADAG in Hamburg das durch Kriegseinwirkung ausgebrannte Wrack der Alsterbarkasse "Glaube" erwerben, um es auf der Binne Werft in Hamburg/Wilhelmsburg wieder zu einem Fahrgastschiff ausbauen zu lassen. Nach Erhalt der erforderlichen Genehmigungen wurde alsbald der Linienverkehr vom Klosterdeich nach Stadersand und Stade, ins "Kirschenland", eingerichtet. Das Schiff erhielt den Namen "Uetersen" und war zugelassen für die Beförderung von 85 Personen, zusätzlich auch in möglichem Umfang für Fahrräder. Die "Uetersen" fuhr zweimal täglich nach Stade.

Fritz Freudenberg schipperte die Uetersener in der Nachkriegszeit vom Klosterdeich aus nach Stade hinüber ins "Kirschenland", wo man mit ein bißchen Glück Kartoffeln, Speck und andere Nahrungsmittel "hamstern" konnte.
Foto: privat

Auf der Rückreise von Stade nach Uetersen waren mitunter sogar 120 Personen an Bord. Hinzu kamen dann noch die Fahrräder und der eigentliche Anlass der Fahrt: "gehamsterte" Kartoffeln, Obst und andere, im Tausch "ergatterte" Nahrungsmittel. Im Hinblick auf die Sicherheit bedeutete das überladene Schiff ein hohes Risiko. Aber es ist immer gut gegangen.

Der großen Nachfrage wegen wurde eine weitere Barkasse, die "Störtebeker", zusätzlich von einem Makler aus Cuxhaven gechartert. Diese war zugelassen für die Beförderung von 31 Personen. Mit ihr wurden auch Gesellschafts  und Klassenfahrten von Uetersen aus unternommen. Schließlich kaufte Fritz Freudenberg von der ehemaligen deutschen Kriegsmari­ne eine weitere Barkasse. Sie wurde auf der Jacobs Werft in Moorrege hergerichtet und konnte 24 Personen befördern. Diese Barkasse war in der Freudenberg Flotte damals "Mädchen für alles". Sie trug in Anlehnung an den Verkäufer, die englische Besatzungsmacht, den Namen "Ted".

"Ted" hat sich wesentlich hervorgetan im Rahmen von Schleppdiensten für die Küstenschifffahrt auf der Pinnau. Kümos und andere Schiffseinheiten, die damals die Feldmühle Papierfabrik bedienten, wurden rückwärts in den Stichhafen geschleppt, um dort besser wenden zu können. Größere Schiffe, die stellenweise auf der nicht ganz schnurgeraden Pinnau Manövrierschwierigkeiten hatten, wurden von "Ted" auch bis zur Elbe bugsiert, insbesondere auch zur Unterstützung beim Passieren der Drehbrücke Neuendeich Klevendeich.

Nach der Währungsreform am 20. Juni 1948 normalisierte sich die Versorgungslage langsam. Auch der Schiffsverkehr auf der Pinnau bis Uetersen belebte sich mehr und mehr. Die Personenbeförderung per Schiff nach Stadersand und Stade lohnte sich nicht mehr. Auf der Jacobs Werft erhielt deshalb das Schiff "Uetersen" eine Schleppvorrichtung, da sich dann auch genügend Arbeit für drei Schleppschiffe anbot.

Nachdem später aber die Papierfabrik kein Stammholz mit Kümos aus Skandinavien mehr importierte, sondern mehr Holz aus dem Böhmerwald mit so genannten Oberländer Kähnen oder Zellulose als Halbfertigprodukt zur Weiterverarbeitung auch per Bahn bezog, war kein rechtes Betätigungsfeld mehr für die Freudenbergschiffe vorhanden. Die Barkasse "Uetersen" wurde an die Vulkan Werft verkauft, der Chartervertrag für die "Störtebeker" nicht mehr fortgeführt, und auch die "Ted" erhielt einen anderen Eigner und Heimathafen. Als letzte Zeugen der einstigen Fährverbindung nach Stade ins "Kirschenland" finden wir heute am Ufer der Pinnau am Klosterdeich einen Pfahl und einen Rest des vom örtlichen Schmied angefertigten Anlegebollwerks.

Fritz Freudenberg betätigte sich nach 1948 auch als Schiffsmakler und hatte in den 60 iger Jahren Pläne, zwischen dem neuen Pinnausperrwerk und dem gegenüberliegenden niedersächsischen Abbenfleth eine Fährlinie einzurichten mit einer Auto  und Personalfähre.

Doch diese Pläne zerschlugen sich, und 1971 setzte sich Freudenberg in seinem reetgedeckten Fachwerkhaus zur Ruhe, um sich nur noch seinen Hobbys zu widmen, der Karpfenzucht und der Jagd. Er starb im Jahre 1976. Seine Frau Ruth und Tochter Susanne bewahren und pflegen das Erbe des alten Käptns in ihrem denkmalgeschützten, idyllischen Anwesen am Pinnaudeich, zur Freude der Familie, der Dorfgemeinschaft und der Vorüberfahrenden.


Fröhlich und unbeschwert ging es her bei Ausflugsfahrten mit Freudenbergs Barkasse "Uetersen". Foto: Archiv Historisches Uetersen