Sonnabend/Sonntag, 1. November 2003  

EIN FLUSS PRÄGT EINE STADT – HERAUSGEGEBEN VOM VEREIN HISTORISCHES UETERSEN TEIL I

Die Pinnau

Von der Klappbrücke bis zur Drehbrücke

Die Pinnau, ihre geschichtliche Bedeutung für Uetersen und für Handel und Industrien von der Klappbrücke bis zur Drehbrücke, für die der Wasserlauf von Bedeutung war und z. T heute noch ist.

Von Marlen Sönnichsen

Ihren Namen hat sie im Laufe der Jahrhunderte oft gewechselt, die Pinnau, ihre Gestalt ebenso, und genutzt wurde sie über Generationen und Menschenalter hindurch auf mannigfache Weise. War der Fluss für die Menschen, die an ihm lebten, vor Jahrhunderten noch Lebensquell und Broterwerb, dient er heute, mit wenigen Ausnahmen, der Naherholung und den Freizeitkapitänen. Regelmäßig von Binnenschiffen angefahren wird nur noch der werkseigene Anlieger der Papierfabrik STORA ENSO, an dem die dort benötigten Holz  und Rohstoffladungen gelöscht werden. Der Uetersener Binnenhafen, wie auch andere Häfen an den Nebenflüssen der Elbe, verschlickt zusehendst. Es gibt Pläne, den Hafen und das Gelände drum herum einer Nutzung nach Art einer „Marina“ zuzuführen und qualitativ wie auch touristisch aufzubereiten. Doch noch ist dies Zukunftsmusik, deren Umsetzung bisher am hohen Investitionsvolumen scheitert. Weiter Richtung Elbe gehört die Pinnau mittlerweile vor allem den Wassersportlern. Hier ziehen Paddler, Segler und Ruderer auf dem Wasser ihre Bahn durch die Marsch.

Auf 42 Kilometern windet sich der Fluss von der Quelle bis zur Mündung in die Elbe durch Marsch und Geest und dicht besiedeltes Industriegebiet. Zeichnung: Sönnichsen

Im Laufe der Jahrhunderte vollzogen sich im Raume Uetersen einschneidende Veränderungen in Wirtschaft, Binnen und Seeschifffahrt, Gewerbe und Industrie. Von zahlreichen Betrieben und Familien, die entlang des Flusses im Uetersener Raum und Umland siedelten und arbeiteten und für die der Wasserlauf wirtschaftliche Lebensader war, sind heute nur noch wenige übrig geblieben. Ziegelei, Muschelkalkbrennerei, Ofenfabrik, Werften, Walfänger, Binnenschiffer, Zuckerraffinerie, Sägemühle, Kunstdüngerfabrik, Fischmehlfabrik, Fähre - sie alle sind Vergangenheit. An sie wollen wir erinnern, von ihrer einstigen Bedeutung für die Stadt erzählen und über diejenigen berichten, die es heute noch gibt.

Der Fluss war vor dem Menschen da, lange vorher. Er entstand nach dem Abschmelzen der gigantischen Gletscher der Saale Eiszeit. Vom Kisdorfer Wohld und den Blankeneser Endmoränen herab floss das Schmelzwasser die drei kleinen Urströme Bilsbek, Düpenau und Pinnau herunter. Südöstlich von Ulzburg im Kreis Segeberg in einer moorigen Wiesenniederung nahe am Quellgebiet der Alster entspringt die Pinnau. Ihre Quelle liegt in einer Höhe von knapp 30 Metern über dem Meeresspiegel, und sie mündet nach 42 km oberhalb der Haseldorfer Binnenelbe in die Elbe. 1966/67 entstand dort der heutige Elbdeich mit dem Mündungssperrwerk. Bis zur Wulfsmühle in der Gemeinde Tangstedt oberhalb von Pinneberg ist der Unterlauf des Flusses den Gezeiten unterworfen. Ebenso wie die Krückau zählt die Pinnau zu den Laichgewässern der Meerforelle, die hier wieder eingebürgert wurde. Noch um die Wende zum 20. Jahrhundert wurde in der Pinnau und ihren Zuflüssen gebadet. In einem Fremdenführer aus dem Jahre 1903 wurde das klare, nicht durch städtische und industrielle Abwässer verunreinigte Wasser gerühmt.

Die kleinen Dämme, die den Lauf der Pinnau von Quickborn an begleiten, werden im Marschenbereich bis zum Elbdeich durch die wesentlich höheren Audeiche fortgesetzt. Die Pinnau hat ein mittleres Fließgefälle von 68 Prozent. Unterhalb von Pinneberg ist das Gefälle auf einer Länge von 19 km am geringsten. Mehrere Nebenflüsse münden zwischen Pinneberg und Uetersen in die Pinnau hinein, es sind zumeist Abflüsse der Moore und feuchter Niederungen, wie Bilsbek, Appener Beek, Mühlenau, Orthbrookgraben und andere Gräben. Die Pinnau und ihre Nebenarme entwässern heute ein Niederschlagsgebiet mit einer Fläche von ca. 367 Quadratkilometern in die Elbe und weiter in die Nordsee.

War sie bis ins 20. Jahrhundert noch Lebensquell und Broterwerb für zahlreiche Familien der Region, dient die malerische Pinnau heute, bis auf wenige Ausnahmen, fast nur noch der Naherholung und den Freizeitkapitänen.
Foto: Eva Maria Schmitz

Die jetzige Flusslandschaft hat mit der früheren kaum noch etwas gemein. In der Zeit vor der Eindeichung der Elbe, im ersten nachchristlichen Jahrtausend, drang das Flutwasser noch weit hinauf in die Elbenebenflüsse und sorgte für regelmäßige Überschwemmungen, so dass an einigen Stellen steile Abbruchkanten auf den Flusswiesen entstanden. Dann erfolgte der Eingriff des Menschen in die Natur und ihre Umgestaltung. In den Marschgebieten, wo die Besitztümer des Adels, der Klostervogtei Uetersen und der Schaumburger Grafen bunt durcheinander lagen, sind seit dem Mittelalter Eindeichungen an der Küste und entlang des Unterlaufs der Pinnau vorgenommen worden, und Auenwälder wurden großflächig gerodet. Infolgedessen und wegen des fortgesetzten Anstiegs des Meeresspiegels wirkten sich schwere Sturmfluten um so mehr aus, wenn auch am oberen und mittleren Unterlauf nicht in annähernd vergleichbarer Weise wie in den Marschgebieten. Kurzzeitige Überschwemmungen im Frühjahr und im Sommer machten die Pinnauwiesen fruchtbar und fett. Länger andauernde Überschwemmungen während der Zeit des Heuens hatten dagegen für die Landwirtschaft verheerende Folgen. Es musste also etwas geschehen.

Schonende Wasserpflege mit standortgerechten Pflanzen- und Tierbestand soll heute eine naturnahe Flusslandschaft wiederherstellen.
Foto: Gerd Janssen

In einem Gutachten schilderte der königl. Wasserbauinspektor Fülscher in Glückstadt im Jahre 1880 die Situation unter anderem so: „Die seit einer Reihe von Jahren immer häufiger eingetretenen Überschwemmungen der ober-  und unterhalb Pinnebergs gelegenen Wiesen und damit in Verbindung stehender Verschlechterung derselben haben große direkte und indirekte Verluste nach sich gezogen, so dass die Klagen über solche Zustände kein Ende nehmen wollen. Die Ursachen für die Überschwemmungen sind in zu geringer Breite und Tiefe der Pinnau und besonders in den zu vielen Krümmungen zu suchen. Ebenfalls liegt ein Grund in der Unterlassung der Entfernung des zu starken Krautbewuchses. Die Kultivierung der oberen Moor  und Heidegegend, die Ausdehnung der Ackerwirtschaften, der Drainagen usw. haben das herabfließende Wasser viel schneller als früher in den Fluss gebracht. Während es sonst bei starken Gewittergüssen tagelang dauerte, bis Himmel  und Esingermoor, die als Schwamm das Regenwasser in sich aufsogen, solches nach und nach abgaben oder es zur Verdunstung kommen ließen, strömt das Wasser mittels der vielen Gräben und Grüppeln in wenigen Stunden herunter. Da die eingetretenen Veränderungen der Bodennutzung sich vervielfältigen werden, so werden auch die Überschwemmungen von Jahr zu Jahr zunehmen, wenn in der unteren Gegend nicht ernstlich Hand ans Werk gelegt wird. Dieses soll nun geschehen.“

Nach 8 Monaten Bauzeit waren Krümmungen der Pinnau zwischen Uetersen/Hohe Brücke und Tangstedt an 25 Stellen begradigt, der Wasserlauf um 3 km kürzer und zusätzlich vertieft worden. Als die Bauarbeiter des Flussumbaues den letzten Spatenstich getan hatten, als das dem Heu im, Übermaß schädliche Wasser gebändigt war, die Schilf  und Reetwiesen zum Verschwinden gebracht waren und dafür guten Graswuchs hatten entstehen lassen, war damit auch ungewollt eine Veränderung der Flora und Fauna bewirkt worden. Durch die Kanalisierung des Aubettes vor 120 Jahren ist eine urtümliche Auenlandschaft wirtschaftlichen Interessen geopfert worden.

Weitere entscheidende Ausbaumaßnahmen in den Jahren 1915, 1950 und in den sechziger Jahren, intensive landwirtschaftliche Nutzung und Drainagen führten zu einer Monotonisierung der Landschaft. Seit 1991 jedoch bemüht sich der Wasserverband Pinnau Bilsbek Gronau im Gleichschritt mit dem gesellschaftlichen Wertewandel bezüglich der Fließgewässer um Veränderungen und Rückbau. Erhaltung und Wiederherstellung einer naturnahen Flusslandschaft ist das Ziel, mit standortgerechtem Pflanzen und Tierbestand. Besondere Schwierigkeiten bereitete es dem Verband allerdings, den Flussanliegern die benötigten Flächen für die Umsetzung der Maßnahmen abzukaufen.